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Späte Einsichten

„Hast du die schon vor vielen Jahren ausgezeichnete Streitschrift: ,Kitsch, Konvention und Kunst‘ von Karl Resch gelesen?“ fragte ihn David.

„Nein“, antwortete Wolfgang. „Warum ist das so wichtig?“

„Er zog über deutsche Literatur her und äußerte sein Erstaunen, wie sehr für manchen so genannten Dichter bzw. Schriftsteller der Satz gilt: ,Deutsche Sprache – schwere Sprache!‘“

Wolfgang schaute seinen Freund erstaunt an: „Und was hat das mit mir zu tun, David? Ich bilde mir ein, ein gutes Deutsch zu sprechen. Vielleicht ist es in deinen Ohren nicht immer perfekt, aber wer kann das denn schon von sich behaupten?!“

Dieser beschwichtigte: „Es geht ja nicht um dich, sondern um andere. Er meinte, wir haben es da mit einer allgemeinen Zeiterscheinung zu tun, die eine Folge der Verflüchtigung des gesunden Menschenverstandes ist. Und dies ist auch meine Meinung. Anders ist der Triumph der künstlerischen Impotenz – in übrigens fast allen Kunstsparten – nicht zu erklären. Eine künstlich erzeugte allgemeine Lebensangst hat die große Masse der Menschen bereits um die Fähigkeit zum Protest gegen den ,Krampf‘ und die literarischen ,Krampfhennen‘ gebracht. Das gilt auch für die aus Verzweiflung über die eigene innere Leere in den Zynismus geflüchteten Scharlatane. Dies ist eine Entwicklung, die man besonders im Privatfernsehen, den modernen Verblödungsanstalten, verfolgen kann“

Wolfgang nickte bestätigend und erwiderte: „Was das Privatfernsehen betrifft, gebe ich dir unbedingt Recht. Wie meinst du das aber im Hinblick auf die Literatur?“

David begründete sogleich seine Kritik: „Neun Zehntel unserer so genannten ,hohen‘ Literatur fallen seiner und auch meiner Meinung nach unter künstlerischen Aspekten glatt unter den Tisch und interessieren nur im Hinblick auf die Person des Autors vom Standpunkt des Psychiaters aus.“

„Aber das ist doch kein Zufall“, unterbrach Wolfgang. „Hier ist ,Kunst‘ Ausdruck des Zeitgeistes. Wie du gesagt hast, im Privatfernsehen kannst du das am deutlichsten erkennen. Diesen Schwachsinn an Volksverdummung im Sinne primitivster Anwendung altrömischer Unterhaltung nach dem Motto: ,Brot und Spiele‘, um es von der misslichen Politik abzulenken, kann man doch nicht mehr ertragen! Schau dir doch einmal heute die Talkshows im Fernsehen an, wo irgendwelche, meistens primitive Leute aus der Bevölkerung für ein Taschengeld – nur um ins Fernsehen zu kommen – einen beispiellosen seelischen Striptease hinlegen und eine unglaubliche Selbsterniedrigung auf sich nehmen. Und was ist das? Seelischer Exhibitionismus contra geistig minderbemittelten Voyeurismus. Oder betrachte dir doch einmal Sendungen wie: ,Big Brother‘ oder TV Total etc. oder den niveaulosen Schwachsinn an diversen Comedyshows. Aber es gibt scheinbar genügend Programmgestalter, Regisseure und Drehbuchautoren, die sich für diesen Mist hergeben, die aber offenbar exzellente Kontakte bzw. enge Beziehungen zur Unterhaltungsindustrie besitzen müssen, um diesen Mist gegen gute Bezahlung loszuwerden. Ich fühle mich hier als normaler Bürger und Fernsehkonsument, aber vor allem als Künstler in dieser neuen, ich möchte fast sagen, amerikanisierten Kulturwelt, absolut verarscht! Denn wo es mit der Verdorbenheit und Verworfenheit eines durch Film und Privatfernsehen dumm gehaltenen und fehlgeleiteten Volkes einmal so weit gekommen ist, so weit, wie die Zustände im kaiserlichen dekadenten römischen Reich beschrieben sind – eine Parallele, die durchaus angebracht ist – so ist auch unsere Zeit, zumindest kulturell, dem Untergang geweiht. Lies doch nur einmal die Literatur des augustinischen Zeitalters. Dort spiegelt sich die entsetzliche Raschheit des Verfalls deutlich wider. Das kannst du auch in der Literatur nachvollziehen. Welch ein Absturz von Vergil, Horaz und Ovid! Bei uns ist es heute doch nicht anders Nicht mehr die Güte und Aussagekraft eines Werkes entscheidet über seinen Erfolg, sondern nur die Beziehungen zu den Verlagsinhabern, die nur noch nach Rentabilitätserwägungen neue Literatur annehmen oder empfehlen.“

David nickte und erwiderte bestätigend: „Ich weiß! Meine Rede, Wolfgang. Aber zurück zur Literatur, genauer zu den Autoren. So ist doch folgendes bekannt: Zwei Drittel aller Großstadtmenschen sind heute, vom medizinischen Standpunkt aus betrachtet, nicht mehr normal. Stress, Lärm, eine ungesunde Lebensweise und ständiger Sauerstoffmangel haben den Menschen psychisch und physisch verändert. Aus diesen zwei Dritteln rekrutieren sich aber die meisten unserer Schriftsteller der so genannten ,gehobenen‘ Literatur. Zumindest war das im letzten Jahrhundert so und setzt sich bis heute hartnäckig fort. Wäre das anders, dann hätte man nicht gar so oft das Gefühl, es mit seelischen Epileptikern zu tun zu haben. Das muss einmal in aller Deutlichkeit gesagt werden, damit man sich von der anmaßend auftretenden Meinungskonfektion der Medien und einer gewissen Presse freimachen und den gesunden Menschenverstand auch hier wieder in seine elementaren Rechte einsetzen kann.“

Wolfgang musste unwillkürlich lächeln: „Wohl gesprochen, Herr Literaturkritiker. Wie gut, dass ich hier auf dem Lande lebe und mich nicht angesprochen fühlen muss“.

„Es zwingt uns zu der Frage“, ließ sich David nicht aus dem Konzept bringen, „was denn die Leserschaft von einer Erzählung, wie sie hier diagnostiziert wird, überhaupt erwartet, gleich, ob es sich dabei um einen großen Roman oder einen Heftroman, eine Novelle, Kurzgeschichte oder dergleichen handeln mag?“

„Ich gebe dir darauf eine ganz klare Antwort“, entgegnete Wolfgang ernst. „Entrückung! Entrückung aus dem oft deprimierenden Alltag. Was diese Entrückung – um nicht zu sagen: Verzauberung! – nicht bewirkt, hat mit Kunst nichts zu tun, nicht einmal mit schlechter Kunst. Die Menschen wollen meiner Meinung nach weder von der Verzweiflung der Lebensunfähigen angesteckt noch gelangweilt werden, am wenigsten von so genannten Problemen, die für geistig Gesunde gar keine Probleme sind. Auch in der Literatur, gleichviel welcher Gattung und Klasse, gilt der Grundsatz für mich: Alles ist gut, was die Widerstandskraft des Menschen gegen die Probleme des Lebens stärkt; und alles ist schlecht, was sie schwächt oder gar lähmt. Novalis sagte einmal: Die Poesie heilt die Wunden, die uns der Verstand schlägt. Aufklärung ist sicherlich in der Politik notwendig, in der Kunst hat sie aufzubauen!“

„Und wie willst du das Ziel erreichen?“ fragte David, obgleich er die Antwort kannte. Er wollte sie aber von Wolfgang hören.

„In dem wir Kunst verstehen! Am meisten wirkt doch ein Kunstwerk auf uns ein, wenn es ihm gelingt, in uns so etwas wie ein Gefühl des Wiedererkennens zu erwecken, nämlich die aus dem Unterbewusstsein kommende Vorstellung, man habe das, was der Verfasser, Komponist oder Bildner sagt, so oder doch wenigstens ähnlich bereits erlebt, gedacht oder empfunden. Wenn ich dieses Verwandtschaftsverhältnis zwischen mir und dem Leser oder Zuhörer herstellen kann, habe ich, nach meiner Auffassung zumindest, viel erreicht. So gesehen ist Kunst aber auch immer ein Werturteil der Allgemeinheit, das verstanden wurde und sich daher durchgesetzt hat, im Wesentlichen ein schöpferischer Akt, das Ergebnis unserer Fantasie, welches nur noch durch die Wirklichkeit übertroffen werden kann. Oder Adorno sagte, Kunst sei Magie, befreit von der Lüge, Wahrheit zu sein! Darüber hinaus ist Kunst natürlich Gefühl und Geschmacksache, über die sich bekanntermaßen trefflich streiten lässt.“

„Dies erscheint mir aber sehr einfach gedacht“, forderte David seinen Freund weiter heraus. „Was ist, wenn sich die Masse irrt?“

Wolfgang nahm die Herausforderung an und erwiderte: „Das ist das Risiko eines jeden Künstlers. Die Skala des Gefühls reicht ja vom subtilsten, feinstnervigem Empfinden bis zur flachen Sentimentalität. Ihr Bogen spannt sich vom Tiefsten bis zum Kitsch, von souveräner geistiger und seelischer Haltung bis zum Duckmäusertum der geborenen Untertanen und Konsumenten weltanschaulicher Konfektionsbetriebe. Über die Gattung und Art dieser Gefühle kann man sehr unterschiedlicher Meinung sein, niemals jedoch gerecht urteilen oder gar verurteilen.“

David nickte bestätigend und erwiderte: „Nun, es ist aber leider mein Beruf, zu kritisieren und zu urteilen. Ich sehe im Übrigen das Ganze entsprechend einem Ausspruch Schillers, danach pflanzt sich die Menschheit durch Hunger und Liebe fort. Man hat es sich angewöhnt, darüber – wie über so manches – hinwegzusehen. Aber die darin ausgesprochene Erkenntnis trifft ins Schwarze. Die beiden Grundinstinkte aller Lebewesen und somit auch der Menschen, sind die der Sättigung und der Fortpflanzung. Alles, was Menschen fühlen und tun, hängt irgendwie damit zusammen oder ist – besser gesagt: Variation eines dieser Grundthemen. Und was glaubst du, Wolfgang, als Künstler dazu beitragen zu können?“

„Meine Aufgabe als Schriftsteller ist es – und ich kann eigentlich nicht mehr tun – diese Grundtriebe und Hemmungen und damit verbundenen Gefühle des Menschen in die eine oder andere Umwelt hineinzustellen und zu erzählen, wie die Geschöpfe meiner Fantasie sich mit ihr auseinandersetzen bzw. damit umgehen. Das Grundthema ,Mensch‘ in der Figur eines ,Macbeth‘ oder des ,Wallenstein‘ oder des ,Feodor Joannowitsch‘ von Tolstoi ist letzten Endes dasselbe wie das, welches den Inspektor seine Beförderung zum Oberinspektor oder den einfachen Angestellten zum Leitenden erwarten lässt. Es gleicht den erfüllten oder unerfüllten Träumen oder Wünschen des Bankherrn, Großgrundbesitzers, Bürgermeisters, einfachen Arbeiters oder Bauern. Und meistens geht es dabei um die Liebe, die große und die enttäuschte. Aber wie das zum Beispiel in der Literatur gestaltet, lebendig gemacht, mit Profil und Farbe ausgestattet wird, davon hängt dann schließlich ab, ob der Leser vom Inhalt gefesselt wird. Für Superpädagogen und Oberlehrer sei jedoch gesagt, dass dieser Leser weder belehrt noch gebessert, sondern einfach unterhalten und moralisch aufgerichtet werden will. Die Illusion, die der Mensch Kraft seiner Natur so bitter braucht, wie der Säugling die Muttermilch, ist es, die ihn aufrichtet und das Leben ertragen lässt. Anders lässt sich die Massenhysterie einer jeden Religionsgläubigkeit nicht erklären.“

„Was meinst du damit?“

„Das ist eigentlich ein ganz eigenes und sehr komplexes Thema. Aber soviel sei kurz dazu gesagt: So, wie der ursprüngliche, tierische, zweiarmige Aufrechtgänger, genannt Mensch, aus seiner animalischer Wesenheit hervortrat und zum Bewusstsein seiner Intelligenz gelangte und die Herrschaft der Menschheit anzustreben begann, wurde er von zwei Bedürfnissen geprägt: Er wollte belehrt und erlöst sein, und er wollte geführt und regiert sein. In unserer auch heute noch herrschenden Schwäche gegenüber den ungeheuren Naturgewalten hungert unser Sinn nach Aufklärung über die Mächte, worauf wir mit dem unerklärlichen Geheimnis der Unendlichkeit und Unsterblichkeit der Seele eine Antwort gefunden zu haben glauben. In dem Versuch der Aufklärung des Unbegreiflichen suchten wir eine Milderung des Schreckens und fanden schließlich eine Erlösung durch diverse Erleuchtungen. Diese damit verbundenen neu geschaffenen Ideale verlangten mit der Unendlichkeit in Beziehung zu treten. Dies war der Ursprung religiösen Bewusstseins, welches notwendigerweise den Priester als Vermittler zwischen dem Endlichen und dem Unendlichen, zwischen Erde und Himmel, zwischen Mensch und Göttern in einem dualistischen Weltbild erschaffen musste.

Der Mensch will also geführt und getäuscht sein. Und die so genannte öffentliche oder besser veröffentlichte Meinung einiger weniger Presse- und Literaturpäpste, ist nichts weiter als jener Klatsch und Tratsch, der die Menschen ihre eigenen Schicksale mit denen der Veröffentlichten vergleichen und damit erträglicher werden lässt. Eine Geschichte, die der Leser spätestens nach einer Viertelstunde gelangweilt oder gar deprimiert aus der Hand legt, weil er sie nicht versteht, sie ihn in seinem Gemüt nicht anspricht oder gar zu fesseln vermag, ist keine gute Geschichte! Vielleicht ist sie für den einen oder anderen Möchtegernintellektuellen gute Literatur, aber keine gute Geschichte für den normal empfindenden Menschen und auch nicht für mich. In diesem Sinne versuche ich nur, einfache, spannende und somit gute Geschichten zu schreiben, Geschichten, die dem Leser aber auch einige Erkenntnisse und vielleicht Lösungsansätze vermitteln, um mit seinen alltäglichen Problemen besser fertig zu werden. Man nennt das auch Existenzerhellung.“

David unterbricht schmunzelnd: „Und wie willst du das erreichen?“

„Ganz einfach! Meine Aufgabe sehe ich als Schriftsteller, mit meinen Werken möglichst alle oder zumindest viele Menschen zu erreichen, das einfache Lieschen Müller wie auch den Intellektuellen. Denn auch letzterer soll den sprachlich anspruchsvollen Volksroman genießen, so, wie ein Feinschmecker auch einmal ab und zu einen ganz gewöhnlichen Erbseneintopf aufgrund seiner Zutaten als überaus köstlich empfinden kann.“

„So, so – und das verstehst du unter anspruchsvoller Volksliteratur! Mit dieser Meinung stehst du aber ziemlich alleine da“, warf David ein.

„Vielleicht, ja, aber das ist nicht alles“, fuhr Wolfgang unbeirrt fort. „Goethe hat einmal gesagt: Den Stoff sieht jedermann vor sich; den Gehalt findet nur der, welcher etwas darzutun hat, und die Form ist ein Geheimnis der meisten. Ähnlich, aber kürzer, hatte es auch Heinrich Heine seinerzeit formuliert, als er zu diesem Thema schrieb: In der Kunst ist die Form alles, der Stoff gilt nichts! Was uns in der Tat bei so manchem einfachen Unterhaltungsroman als kulturell tief stehend erscheint, sind die – übrigens auch in der ,hohen‘ Literatur ebenso vorkommenden, Stilwidrigkeiten – die sich vor allem aus mangelnder Beherrschung der Sprache ergeben. Gerade sie ist aber von entscheidender Bedeutung. Die Beherrschung der Sprache nämlich allein ist das Mittel, mit dessen Hilfe der Schriftsteller zu einem prägnanten, überzeugenden Stil gelangt. Oder er versucht durch Aneinanderfügen von abgedroschenen Plattheiten die sagenhafte Dame ,Lieschen Müller‘ davon zu überzeugen, sie sei so, wie er sich sie und die Welt vorstellt. In diesem Sinne meinte Goethe auch einmal zu den Stilwidrigkeiten vieler Autoren: ,Mir will das kranke Zeug nicht munden, Autoren sollten erst gesunden.‘ Und hier muss man zwischen dem psychologischen Irrtum einzelner Lektoren oder Kritiker und dem vieler Autoren unterscheiden. Unter letzteren finden sich etliche, die froh sein müssen, wenn es ihnen gelingt, ein halbwegs grammatikalisch richtiges Deutsch zu schreiben, die jedoch meistens einfach und dreist drauflos schmieren und das zu Papier bringen, was sie sich einmal angelesen oder gerade erlebt haben.“

David unterbrach vergnügt Wolfgangs Redefluss: „Aber Wolfgang, machen wir uns doch nichts vor, alles, was du heute in dieser oder jener Form lesen kannst, ist schon früher einmal grundsätzlich gesagt oder geschrieben worden. Weder du noch irgendjemand anders wird noch einmal das Rad erfinden! Aber dennoch: Schade, dass ich gerade kein Tonband dabei habe, um alles, was du gerade gesagt hast, aufzunehmen.“

Wolfgang ließ sich nicht bremsen, dazu beschäftigte ihn das Thema schon zu lange. Er wollte seinem Freund endlich einmal seine Gedanken zu diesem komplexen Thema mitteilen. Er hatte leider nur allzu selten einen so kongenialen Gesprächspartner wie David, mit dem er sich nicht nur literarisch und geistig messen kann und von dem er nicht nur wertvolle Anregungen bekommt, sondern bei dem er auch jederzeit ehrliches kritisches Gehör zu seinen Gedanken findet.

Er fuhr daher mit seinen Erläuterungen fort und erwiderte: „Dann vergiss es das nächste Mal nicht. Aber wieder zum Thema: Natürlich will und werde ich nicht mehr das Rad erfinden! Der Schriftsteller der Volks- bzw. Unterhaltungsliteratur aber hat es dennoch etwas einfacher. Er steht zwar den gleichen Tabus gegenüber wie jenen der so genannten anspruchsvollen Literatur, wird aber von ihnen weitaus weniger beeinträchtigt, und zwar einfach deshalb, weil seine Gedanken von der Kritik durch Menschen wie dich und der allgewaltigen Presse normalerweise gar nicht beachtet, und somit auch nicht ernst genommen werden. Infolgedessen kann er, so wie auch ich, es sich leisten, genau das Gegenteil von dem zu bewirken, was der ,hohe Literat‘ bewirken will und bewirkt. Wir sind nämlich bestrebt, nicht Angst, Verzweiflung und Elend sondern Lebensmut und Lebenskraft, nicht Bußbedürfnis, sondern Stolz und Selbstachtung, nicht Minderwertigkeitsgefühle, sondern Selbstbewusstsein und innere Gelassenheit, nicht primitivste Boshaftigkeit, sondern Hoffnung auf Menschlichkeit und Gerechtigkeit, nicht Untergangsvisionen, sondern Fortschrittsdenken im Leser zu erinnern, zu wecken und zu stärken. Und nun das Groteske, gar manches, was viele Intelligenzbestien als Schnulze oder Kitsch in der Volksliteratur oder in einfachen Heimat- oder Liebesfilmen empfinden, löst diese Aufgabe restlos. Schon deshalb gibt es bei meinen Romanen nach Möglichkeit immer ein lebensbejahendes ,Happy End‘, damit der Leser anschließend nicht von Albträumen gepeinigt wird, sondern ruhig schlafen und von einer besseren und gerechteren Welt und einem glücklicheren Leben träumen kann. Mir ist durchaus bewusst, dass ich den weit verbreiteten Weltschmerz nicht beseitigen kann, aber ich werde versuchen, mit Eifer, Fleiß und Enthusiasmus und all meiner Kraft, diesen Weltschmerz wenigstens erträglich zu machen. Dabei suche ich als Schriftsteller nicht etwa Anerkennung, und schon gar nicht die jener Pseudokritiker, deren Lob jeden aufrechten und empfindsamen Künstler beleidigen würde. Ich schreibe nicht, um berühmt zu werden. Das habe ich hinter mir. Ich suche nur Gehör!“

„Und was verstehst du unter Schnulze oder Kitsch“? wollte David genauer wissen. Aber da klingelte es leider an der Haustüre.

Wolfgang schaute kurz auf die Uhr und sagte: „Ach du lieber Gott, mein Termin! Entschuldige die Unterbrechung, David. Wir müssen unsere Diskussion ein andermal fortsetzen, ich erwarte meinen Verleger und der möchte mit mir besprechen, ob ich wieder etwas Neues zu liefern habe. Bleibe aber ruhig sitzen, du kennst ihn ja, Volker Lechner, vom Autarkverlag. Er wird sich bestimmt freuen, dich auch mal wieder zu sehen“

Er erhob sich, ging zur Türe und öffnete sie …

* * *

Wolfgang hat zuerst einmal seinen kleinen Rausch ausgeschlafen, gut gefrühstückt, sein tägliches Schwimmtraining – auch ohne Annas Anweisungen – diszipliniert wie er nun seit ihrem Besuch ist, absolviert und liest die Morgenzeitung, als es an der Haustür klingelt.

Frau Knöss, seine treue Haushälterin, öffnet die Tür und sagt zu dem sportlich gekleideten Besucher laut vernehmlich: „Ach! Hallo! Guten Morgen, Herr Krusowsky! Herr Stern ist im Salon und liest gerade die Morgenzeitung. Ich sage ihm Bescheid, dass Sie da sind.“

Sie verschwindet kurz, meldet seine Ankunft, kommt zurück und sagt: „Herr Stern erwartet Sie.“

Sie führt ihn in den Salon.

Warum das bei wohlhabenden Leuten immer so förmlich zugehen muss, denkt David Krusowsky. Dabei weiß die gute alte Frau Knöss genau, dass Wolfgang und ich sehr gut befreundet sind und ich den Weg zum Salon auch alleine gehen kann.

Als David seinen verkaterten Freund mit den dunklen Augenringen sieht, schmunzelt er: „Guten Morgen, Wolfgang! Wie siehst du denn aus? Hast du etwa die Nacht nicht geschlafen? Was schaust du denn so grimmig drein?

„Hallo David! Guten Morgen – ohne Sorgen!“, wünscht er seinem Freund leicht zerknirscht, freut sich aber trotz leicht lädiertem Zustand über den unerwarteten Besuch und die damit verbundene willkommene Ablenkung.

Er denkt sofort, dass der Besuch seines Freundes gerade zur rechten Zeit kommt und ihn sicherlich von den düsteren Gedanken über die überstürzte Abreise Annas und das besonders leere Empfinden, das sie in seinem Inneren zurückgelassen hat, ablenken wird.

Er erwidert daher: „Du kommst gerade recht. Und du hast es richtig erkannt, ich habe einen kleinen Kater, aber der wird bald verschwinden.“

Er deutet auf eine Packung Kopfschmerztabletten, die auf dem Tisch liegt, und auf die daneben stehende Kaffeekanne und fügt hinzu: „Ich habe schon das Gegengift dafür eingenommen!“

Er nimmt demonstrativ einen großen Schluck von dem starken, schwarzen Kaffee und schenkt auch David eine Tasse voll ein.

Dieser bedankt und erkundigt sich: „Hattest du einen Grund für dein gestriges Besäufnis? Hast du Sorgen?“

Wolfgang winkt ab und erwidert ausweichend: „Nicht mehr oder weniger als sonst.“

Er hat im Augenblick kein Bedürfnis, mit David über Anna und seine verletzten Gefühle zu sprechen.

David dringt daher auch nicht näher in seinen Freund ein und erklärt sein überraschendes Erscheinen: „Ich hatte das unbändige Bedürfnis, unser neulich geführtes Gespräch über die Volksliteratur fortzuführen. Ich würde mich mit deinen Gedanken, allein schon aus beruflichen Gründen, im Augenblick gerne weiter auseinandersetzen. Denn ich beabsichtige darüber demnächst einen Artikel zu schreiben und zu veröffentlichen. Darf ich das Diktiergerät während des Gesprächs mitlaufen lassen und dich in dem Artikel gegebenenfalls zitieren?“

Wolfgang nickt: „Ja, ja. Mach nur. Wie spät haben wir es eigentlich?“

Er schaut auf die Armbanduhr, da David keine Anstalten macht, ihm die Zeit zu sagen und bemerkt überrascht: „Ach du lieber Gott! Es ist ja bereits zehn Uhr. Und diese Diskussion willst du heute Vormittag noch vor dem Mittagessen und in meinem desolaten Zustand führen?“

„Oh, ja. Ich muss die Gelegenheit doch beim Schopfe packen, wenn sie sich mir bietet“, nickt David und schaltet das Diktiergerät ein.

Wolfgang fragt sicherheitshalber nach: „David, du bleibst doch zum Mittagessen? Es gibt heute Schweinebraten.“

David klopft ihm freundschaftlich auf die Schultern und erwidert fröhlich: „Oh, ja, ich nehme deine Einladung gerne an. Wie könnte ich da widerstehen? Frau Knöss macht für mich den besten Schweinebraten der Welt. Solch eine Köstlichkeit werde ich mir doch nicht entgehen lassen. Aber ich dachte, wir diskutieren besser noch vor dem Essen. Nachher sind wir wahrscheinlich gar nicht mehr zum Denken in der Lage. Du weißt doch, was die alten Römer dazu so treffend sagten: plenus venter non studet libenter, ein voller Bauch studiert nicht gern! Ich vermute nämlich, dass der Schweinebraten von Frau Knöss sicherlich das letzte Blut aus unseren Hirnen heraus und in den Magen treiben wird. Fangen wir also doch lieber gleich mit der Arbeit an. Meine erste Frage lautet daher also: Warum verteidigst du eigentlich die so genannte Volksliteratur so sehr?“

Wolfgang nickt: „Das kann ich dir genau sagen. Du weißt ja, dass ich Liebes-, Abenteuer- und Kriminalromane schreibe Und dies mache ich nicht für den intellektuellen Leser, sondern für jeden, der am wirklichen und echten Leben interessiert ist. Ich möchte nicht wie viele andere, so genannte hohe Literaten, nur einigen wenigen Menschen mit wohl formulierten Worten und in geschraubter Sprache, mit irrwitzigen, scheinbar originellen Ideen imponieren, sondern möglichst viele Leser erreichen und unterhalten. Neulich sagte mir zum Beispiel ein entfernter Verwandter, ich solle doch etwas Anspruchsvolleres, zum Beispiel etwas ,Trendiges‘, wie Historisches, Biographisches oder Philosophisches schreiben und nicht das, was ich jetzt schreibe. Historische Romane und Biographien seien derzeit im Trend, so dass ich damit noch bekannter werden würde. Und dies ist meine Antwort darauf!“

David vergewissert sich, dass das Diktiergerät eingeschaltet ist und sagt aufmunternd: „Also gut, dann lass hören! Wir waren das letzte Mal dabei, das heiße Eisen ,Kitsch oder Schnulze‘ anzufassen. Was ist darunter zu verstehen und was nicht?“

„Richtig. Und vor allem: Wo liegt der Maßstab, mit dem wir messen können?“

„Was messen können?“ fragt David herausfordernd.

Wolfgang lächelt: „Den Geschmack, könnte man meinen. Wir sind uns doch aber sicherlich darüber einig, dass der Geschmacksmaßstab untauglich ist, weil er von der Individualität des Messenden abhängig und somit nicht normfähig ist.“

„Und wenn es nicht der Geschmack ist, was meinst du dann?“, hakt David nach.

Wolfgang erhebt sich nun aus seinem Sessel und läuft mit hochkonzentriertem Gesicht im Zimmer auf und ab. Der Kater scheint plötzlich wie weggeblasen. „Ein Lob auf die Pharmaindustrie!“, denkt er.

Nach ein paar Schritten in Konzentration gibt er die Antwort und erwidert kurz und knapp: „Nicht den Inhalt, sondern einzig den Stil!“

David schaut zweifelnd und fragt: „Nur den Stil? Wie soll ich das verstehen?“

„Nein, natürlich nicht nur, aber auch, vor allem im Besonderen. Und auch durch die Tatsache, dass ich den Leser mit meinen Gedanken und Gefühlen erreiche und, wie schon in unserer letzten Diskussion gesagt, in ihm ein Wiedererkennen erzeuge. Die Grenze zwischen Gefühl und Sentimentalität ist fließend und die zwischen echt und unecht bei manchen Routiniers nur schwer auszumachen. Es hat Zeiten gegeben, in denen der schauerlichste Kitsch als höchste Kunst gegolten hat und umgekehrt.“

„Wobei wir beim zweiten Begriff sind. Was verstehst du also unter Kitsch?“

„Auch der Begriff ,Kitsch‘ ist kaum zutreffend zu umreißen“, erwidert Wolfgang nachdenklich.

Er geht zum Tisch, schenkt sich erneut einen Kaffee ein, schüttet den Inhalt wie ein Verdurstender in einem Zug herunter und sagt munter lächelnd: „Vielleicht ist Kitsch dasjenige Maß an Verdünnung, welches die Kunst für die Masse überhaupt erst verdaulich macht, so wie der Kaffee mein restalkoholisiertes Blut Vielleicht ist er der Sammelbegriff für alles, was wir als Gegenteil von Kunst empfinden. Vielleicht ist es auch nur die vielfach so peinlich wirkende Aufdringlichkeit von Gefühlen, die uns ein künstlerisches, sei es musikalisches oder literarisches Erzeugnis als Schnulze ansprechen und uns die Tränen in die Augen schießen lässt, quasi als Katalysator unserer sensiblen Seele.“

„Hm – und was meinst du damit? Etwas genauer bitte!“, wirft David ein.

Wolfgang wird wieder ernst: „Das gerade ist schwer zu definieren Es hängt mit den unterschiedlichen, niemals deckungsgleichen Weltbildern zusammen, die wir aufgrund unterschiedlicher Erfahrungen haben. Unter alldem versteht in der Praxis somit fast jeder etwas anderes, zumindest in keinem Fall genau dasselbe, wie ein anderer. Es kommt zudem nicht nur auf das Dargebotene, sondern auch darauf an, wann es, wie und von wem es dargeboten wird.“

„Hast du dafür ein Beispiel?“

„Aber sicher! Ich kenne viele so genannte Schlager oder Hits, die sogar einen verständigen und jedermann ansprechenden Text haben und deren Musik als hochwertig zu bezeichnen ist. Von Sänger A gesungen, ist seine Wirkung auf mich positiv, wogegen er auf einen noch in der Pubertät steckenden Teenager vermutlich keine große Wirkung hat. Vom Sänger B gesungen, erweckt derselbe Schlager stürmische Ausbrüche der Begeisterung mit Worten wie: goldig, super, fetzig, himmlisch, toll, megageil und dergleichen mehr. Denn besagter Herr B bringt es aufgrund seiner Persönlichkeit fertig, den Schlager derart darzustellen und zu verschnulzen, dass jeder Kuh die Tränen, mir aber möglicherweise die Eingeweide hochkommen müssen. Dem Teenager jedoch öffnet er das Tor zu höherer Empfindung.“

David unterbricht Wolfgang: „Darauf kommt es aber doch an! Wenn nicht – worauf sonst? Das sagst du doch gerade auch über deine Bücher, deren Inhalte nichts zu beweisen, sondern nur zu verzaubern haben.“

„Genau das meine ich. Es geht ja nicht um mich, sondern um die Masse, die ich erreichen will. Derselbe Teenager wird nämlich ganz unter dem Einfluss seiner Umwelt und Erziehung gerade in dieser Zeit seines Reifens entweder musischer oder amusisch, anspruchsvoller oder anspruchslos, genussfähiger oder seelisch schwer beeinflussbar werden. Mit Geschmackstadel oder dem Versuch, seinen Geschmack zu kritisieren und zu beeinflussen, kommt man ihm auf keinem Fall bei. Gib ihm daher das, was er will und lass ihn das konsumieren, was er für sich als gut oder gar als super empfindet. Das gebietet zudem die Toleranz und die Achtung von der Selbstverständlichkeit eigener Bedürfnisse.“

David unterbricht Wolfgang kurz und spricht deutlich in Richtung Diktiergerät, damit auch seine Frage aufgezeichnet wird: „Habe ich dich also richtig verstanden: Man gebe also unseren angeblich so jugendschutzbedürftigen jungen Menschen lieber gute oder sogar schlechte Volksliteratur, einschließlich der Wildwest- und Kriminalromane und Liebesgeschichten in die Hand, anstatt mit den Kindern oder Jugendlichen über Schund und Schmutz zu reden, den sie ,noch nicht‘ oder besser überhaupt nicht (Frage: ab wann eigentlich?!) lesen dürfen!“

„Ganz recht“, nickt Wolfgang bestätigend. „Jeder sollte lesen dürfen was er will. So wie er essen und trinken und sagen darf, was er will. Ich habe mit meinen Romanen und Geschichten im Hinblick auf die Geschmacksbildung der Menschen zum Beispiel bereits dann viel erreicht, wenn ich eines dieser bei allen Snobs verrufenen Hefte oder Bücher zum Gegenstand einer Unterhaltung gemacht habe, egal, ob sie die loben oder tadeln, weil sie bei uns kritisieren dürfen und nichts verheimlichen müssen.“

„Und was erreichst du damit?“ fragt David.

„Ich erreiche damit nicht nur etwas vom Ästhetischen her Nützliches, sondern kann auf Charakterwerte und die Wertungen überhaupt eingehen und kann, was mich dann erfreut, den Kindern dadurch näher kommen. Ich habe das bei vielen Diskussionen in der Vergangenheit bestätigt bekommen. Sie gingen dabei teilweise so weit, dass sie mich gleichsam in ihren Geheimbund aufnahmen, wenn auch nur als Ehrenmitglied. Aber, Hand aufs Herz(!) – Was können wir oft so belehrende Erwachsene mehr erreichen, als dass unsere Kinder es auf solche Weise lernen, uns nicht als die strengen, furcht- oder Ehrfurcht gebietenden Eltern, sondern als ihre liebsten Vertrauten und Freunde zu betrachten, die sie verstehen und dadurch respektieren! Ich meine, es lohnt sich darüber einmal nachzudenken. Um zu verstehen und konfliktfrei zu kommunizieren, muss man sich in die Welt des anderen hineinzuversetzen versuchen. Wenn das jeder beherzigen würde, gäbe es weniger Streit.“

„Da hast du vollkommen Recht“, sagt David nachdenklich.

Nach einer kleinen Denkpause spinnt Wolfgang seinen begonnenen Gedanken weiter: „Man braucht sich deshalb aber keinen Illusionen hinzugeben. Dessen ungeachtet lesen Jugendliche dies oder jenes dann und wann heimlich, und zwar nicht, weil sie das betreffende Heft oder Buch für so schlecht halten, dass sie es sich nicht vorzuzeigen getrauen, sondern schlecht und recht aus einem naturgegebenen Heimlichkeitsbedürfnis der Jugend. Vertrauen hin, Vertrauen her! Auch das schönste Buch oder Heft wird doch viel, viel schöner, wenn man es zur Unzeit heimlich dort liest, wohin keiner der Elternteile kommt. Und am allerschönsten wird es, wenn man diese ,Sünde‘ mit einem guten Freund oder einer guten Freundin, also nicht allein, sondern zu zweit begeht! Mir ging es jedenfalls in meiner Kindheit und auch späteren Jugend so.“

„Ich verstehe, was du meinst“, lacht David. „Auch ich habe als Kind öfter diese Art Sünde begangen. Vor allem habe ich nur allzu gerne Bücher und Heftchen erotischen Inhalts gelesen, wie zum Beispiel den Roman ,Lady Chatterly‘ und den Playboy.“

Wolfgang lacht zurück: „Genau das meine ich. Hinsichtlich dieser Sünden fordere ich jedoch: Hindert nicht unsere Jugend daran, unsere eigenen Sünden wiederkehren zu lassen! Und, wie es die Natur den unverdorbenen Menschen nun einmal befiehlt, Moritaten, also Räubergeschichten und Fantastereien, gleich welcher Art, den Moralitäten vorzuziehen! Ich rufe in die Welt hinaus: Macht doch die Fenster eurer muffigen Untertanen- und Duckmäuserunterkünfte auf und lasst mit der frischen Luft zugleich das wirkliche Leben und auch die Fantasie hinein!“

„Und was ist mit jenen ,Aufklärern‘ unter den Autoren, die ihre Zuflucht im Obszönen und Primitiven, oft sogar im Aggressiven suchen?“ erkundigt sich David neugierig.

„Das ist doch nicht nur in der Literatur so, sondern vor allem im Fernsehen und hier besonders bei vielen Sendungen der Privatsender zu beobachten. Sie sind schon deshalb gefährlich, weil sie nicht nur weniger unterhaltsam oder gar komisch, sondern eher unappetitlich bis primitiv sind. Denke zum Beispiel in der Literatur an die vielen nichtssagenden Biographien von bekannten Schlagersängern, die den Hals nicht voll bekommen können oder zum Beispiel an die Bücher einer bekannten Pornodarstellerin und Pornofilmproduzentin und die vielen anderen, die sich plötzlich Schriftsteller nennen. Aber diesen Leuten ist schwer beizukommen, weil gerade sie sich merkwürdigerweise einer gewissen Sympathie der duckmäuserischen Masse erfreuen, was aber aus der – übrigens beiden gemeinsamen – Blutleere heraus begreiflich ist. Sowohl die Privatfernsehsender als auch ihre treuesten Anhänger verdanken ihre tatsächlich vorhandene Macht und Bewunderung dem Stumpfsinn vieler gleichgesinnter Mitmenschen. Mitmenschen, die durch falsche Sensationspresse und das auf Masseneinschaltquoten programmierte Privatfernsehen manipuliert werden. Dieses Phänomen zu durchbrechen wäre zwar höchst verdienstvoll, aber ein eher untauglicher Versuch. In dieser und anderer Beziehung, um nicht zu sagen generell, wird der Markt heute durch eine, ich will es einmal ,Beziehungsdiktatur‘ nennen, beherrscht. Von wegen künstlerische Freiheit! Es kommen nur jene zu Wort, welche die richtigen Leute an den richtigen Schalthebeln kennen, die sie fördern. Sonst wären die vielen dubiosen Volkslieblinge in Literatur, Film und Fernsehen nicht populär. Denn Qualität ist schon lange nicht mehr gefragt. Ich kenne einige sehr gute Autoren, die von vornherein keine Chancen haben, ihre Werke herauszubringen, weil es ihnen gerade an diesem Vitamin ,Beziehung‘ fehlt.“

David nickt bejahend mit dem Kopf und sagt: „Das können und werden wir aber leider nicht ändern. Das war schon immer so und wird immer so bleiben und betrifft übrigens alle Bereiche des Lebens in denen es vor allem um das liebe Geld geht. Aber nun wieder zurück zur Volksliteratur. Was kannst du hier noch dazu sagen?“

David erwidert ernst: „Das betrifft gerade auch die Volksliteratur. Zwischen diesen vorgenannten Einflüssen und ,Mächten‘ der so genannten vierten Gewalt muss sich nun die Volksliteratur aalgleich hindurchwinden, wenn sie nicht vor dem potenzierten Stumpfsinn kapitulieren will. Eine große Anzahl von Gelegenheitsautoren schreibt allerdings, weil die frierende Frau zu Hause einen Mantel braucht oder die Schuhe der Kinder entweder besohlt oder neu gekauft werden müssen und dazu das oft schäbige Honorar des Privatverlegers gebraucht wird, der das unter literarischen Anleihen mühsam Zusammengestoppelte, im Gegensatz zu den eigentlichen großen Verlegern, wenigstens noch annimmt. Sonst würden diese Gelegenheitsautoren am Hungertuch nagen und alles umsonst geschrieben haben.“

„Und wer sind diese zuletzt von dir angesprochenen Literaten im Allgemeinen oder im Besonderen?“ unterbricht David.

„Es ist dieses geistige Schriftsteller-Proletariat, das aus Männern und Frauen besteht, die möglicherweise zu keinem Beruf wirklich geeignet sind, weil sie ihre wirkliche Begabung nicht kennen. Und die naturgemäß auch den Beruf eines Schriftstellers nicht auszufüllen vermögen. Es stellt jene Verfasser und Verfasserinnen von Volksliteratur, die aus erschütternder geistiger Armut und Mangel an Können mit einer begrenzten Zahl von quasi Fachausdrücken arbeiten, um das zu beschreiben, was sie als gut oder böse, herrlich oder scheußlich, lobenswert oder verwerflich, edel oder schurkisch empfinden. Und die ohne knallharte ,Schwarz-Weiß-Manier‘ nicht auskommen. Ganz davon abgesehen, dass diese Proleten nicht nur ,Umgangs- oder Papierdeutsch‘ schreiben, sondern außerstande sind, einen Dialog zu gestalten, der die Protagonisten charakterisiert und lebendig werden lässt, der sie sprechen lässt, ohne sie dabei zu typisieren.“

„Und was entsteht deiner Meinung nach daraus, Wolfgang?“

Wolfgang runzelt seine Stirn und beantwortet Davids Frage: „Was dabei entsteht, ist genau das, was man zu Recht unter Schund versteht, weil jedes Können als Voraussetzung von Kunst aufgrund dieser vielen Stillosigkeiten und Phrasendrescherei fehlt und nur eine kalte, skrupellose Beziehungsmache am Werk ist. Es ist der Triumph des Amusischen über das Musische und – leider auch über den gesunden Menschenverstand. Immer wieder muss ich hier betonen, dass die Wertung hierbei nicht aus dem Ästhetischen, vom abstrakt Geschmacklichen her, erfolgen kann, sondern dass es immer auf die Kraft der Gestaltung lebendiger und charaktervoller Menschen ankommt, in denen wir uns selbst erkennen oder mit denen wir uns identifizieren wollen. Der Autor darf nicht überreden, sondern muss überzeugen wollen und – können. Man nennt das Existenzerhellung. Die Geschmacksbewertung geht gerade an dieser Kernfrage vorbei. Denn es gibt, wie bereits hinreichend dargelegt, keinen brauchbaren Maßstab.“

„Der niederdeutsche Volksmund hat da ein prächtiges Wort“, wirft David ein. „Wat den een’ sin Uhl is, dat is den annern sin Nachtigal. Oder wie der Lateiner sagt: De gustibus non est disputandum! Über den Geschmack lässt sich nicht streiten.“

„Genau das wollte ich dir und deinen Lesern klarmachen!“ bestätigt Wolfgang. „So ist es aber auch mit der Schnulze und mit dem Kitsch. Die Konfektionierung der Empfindungswelt hat eine Massenflucht in die Primitivität und Sentimentalität mit sich gebracht. Die hier wohl hinreichend charakterisierte Art von so genannter ,Hoher Literatur‘ trägt ein gerüttelt Maß von Mitschuld daran. Von der nur noch in ,Schubfächern‘ denkenden Geistigkeit wortballender Kritiker, die in einer Art von Geheimsprache agieren, gar nicht zu reden. Höre dir doch einmal an, wie zum Beispiel Kunstkritiker über bestimmte Art von Gemälden sprechen, die ich allenfalls als gemalte Schizophrenie bezeichnen würde, und was da alles hineingeheimnisst wird. Da kann einem ja schlecht werden. Volksverarschung nenne ich das! Hohnlachend würde Picasso, der ja einmal bewiesen hat, dass er wirklich malen konnte, diesen ,Kunstexperten‘ seine „abstrakten“ Werke nachwerfen, wohl wissend, vor allem damit ein reicher Mann zu werden. Nichts anderes!“

„Und wie findest du dann Comics? Zum Beispiel Micky Maus, Asterix, Tom und Jerry, etc. Ist das nun Schund oder Kitsch?“

Wolfgang überlegt einen Augenblick und erwidert dann: „Weder noch. Sie sind meiner Meinung nach sogar gut für unsere Kinder, zumindest als Einstieg in die Literatur. Es kommt natürlich darauf an, welche Comics sie lesen. Bei den vorgenannten hätte ich keine Bedenken. Viele überhebliche und unbelehrbare Intellektuelle und manche Eltern und Lehrer lehnen sie aber leider gänzlich ab. Sie übersehen dabei völlig, dass das Begriffs- und Empfindungsleben eines Kindes oder Jugendlichen anders als ihres ist, und erinnern sich kaum oder nur ungern an die Zeit, als sie noch zum Beispiel während der Latein- oder Religionsstunde jene Heftchen, von denen du sprachst, oder Karl May schmökerten, bunte Bilderbogen tauschten und dergleichen mehr. Man darf aber dabei eines nicht vergessen: Der Mensch ist ein Augentier und das Bild geht ihm früher ein als das Wort. Das gilt nicht nur für die kleinsten, sondern noch mehr für die großen Kinder, die ihre politischen, kulturellen, sportlichen und sonstigen Weisheiten aus der bekannten und allgewaltigen Bildzeitung beziehen, die nichts anderes ist als der beste und erfolgreichste Comic für Erwachsene. Vati kauft diese Zeitung, überfliegt und Mutti verschlingt sie. De facto sind Comics genau das, was Kinder oder noch junge Menschen, teilweise auch Erwachsene, die noch über kindliche Fantasie verfügen, brauchen, um an das geöffnete Tor zur Literatur oder zum Leben herangeführt zu werden; wenn wir nicht wollen, dass wir unsere Weisheiten nur noch aus dem Fernsehen oder aus aggressiv-dubiosen Computerspielen schöpfen.“

„Comics sind doch aber nach ganz allgemeiner Meinung primitiv“, wendet David ein.

„Natürlich sind sie primitiv. Und das ist gut so. Das Primitive ist oft das Beste! Wären die Comics nicht so einfach wie sie sind, könnte die noch unverbildete Kindesseele nichts mit ihnen anfangen. Ich habe auch einmal damit angefangen und habe sie verschlungen. Danach kamen Kinderbücher, Trivialromane, Liebesgeschichten, so genannte Wild-West-Schmöker und anderes. Schon ein so erleuchteter Geist wie Lessing, sah sich 1750 gezwungen, gegen den Größenwahn des aufkommenden Literatentums Stellung zu nehmen und die damalige Volksliteratur zu verteidigen; er schrieb treffend über derartige Bücher: „Sie haben so manchen Kopf erweitert, der vielleicht durch lauter Meisterstücke wäre abgeschreckt worden.“

David wiegt seinen Kopf und bemerkt dazu: „Wir sollten dennoch vor der Macht der Sprache eine gewisse Angst haben, nicht nur im Sinne Taillerands, der die Sprache, zum Beispiel die unserer Politiker, als ein vorzügliches Mittel betrachtete, die Wahrheit zu verschleiern. Schauen wir in die Natur. Wohlgesetzte Worte können sein wie Schneeflocken, die alles, auch das Hässlichste zudecken, und im sauberen Weiß erstrahlen und gleichgültig erscheinen lassen, zumindest für eine Weile, bis der Schnee schmilzt.“

Während des Gespräches ist die Zeit beiden davon gelaufen und Wolfgang zitiert somit nach einem kurzen Blick auf seine Armbanduhr grinsend Goethe: „So, der Worte sind genug gewechselt worden, lass uns nun Taten sehen! Lass uns diese Unterhaltung ein andermal fortsetzen, denn jetzt ist Mittag und ich habe einen Bärenhunger. Darf ich dich also nun zum Essen bitten? Du weißt ja. Frau Knöss hat heute ihren so vorzüglichen Wildschweinbraten mit Kartoffelklößen gemacht und es wäre dumm, das Essen kalt werden zu lassen. Außerdem, anschließend muss ich nach Wiesbaden fahren.“

David schaltet sein Diktiergerät aus, leckt sich voller Vorfreude demonstrativ über seine Lippen und erwidert: „Oh, ja, mein Magen meldet sich zu Wort! Das lasse ich mir nicht zweimal sagen. Wollen wir also die köstlichen Speisen genießen …

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