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Vorwort:

Den inneren und gegenwärtigen Zustand unserer Welt könnte man in fast einem Satz und folgender Aussage zusammenfassen:

„Der sittliche und moralische Verfall unserer Zivilisation ist nicht mehr aufzuhalten:

Das Geschäftsleben ist eine zügellose Jagd der Übervorteilung und des Betrugs, - verbunden mit einer totalen Überreizung der Produktionsgier und ruinösem Streik der Konsumenten; dagegen steht die unerbittliche Schaffung künstlicher Bedürfnisse in einem Bedarfsweckungsmarkt und eine die Zukunft vernachlässigende Sozialpolitik. Schuldenmacherei und Firmengründerei gehen einher mit einer ungeheuren Kapitalvernichtung der Kleinanleger, Arbeit und Kapital fletschen sich in Schein- und Schaukämpfen wie zwei feindliche Bestien einander an; stumpfsinnigste, gemeinste Egoismen und Seelenlosigkeiten werden als Selbstverständlichkeit hingenommen und entschuldigt, Religionen werden wie zu allen Zeiten weiterhin in der Form des primitivsten Aberglaubens mystifiziert, propagiert, zelebriert, verabsolutiert und als Alibifunktion für die Verletzung von Menschenrechten zum eigenen Vorteil missbraucht; die Philosophie ist gegenüber der triumphierenden Stupidität und geistigen Armut der genasführten, bewusst und gewollt dumm gehaltenen Bevölkerung völlig ratlos und verlacht; die Naturwissenschaften werden missbraucht als dienstwillige Handlangerinnen einer ungeheuerlichen Lebensmittel- und Warenfälschung, sowie einer der Pharmaindustrie dienenden Gottesanmaßung unter dem Alibi von Forschung und Entwicklung, sowie einer sündhaften Genmanipulation und Giftproduktion. Wir erleben einen erschreckenden Verlust des Rechts- und Pflicht- und Ehrgefühls, eine zunehmend unfähige Justiz, die- Lockerung aller früheren die Gesellschaft zusammenhaltenden ethischen Maxime, das redliche und ehrbare „Nach-der Decke-sich-strecken“ oder Partnertreue als Torheit verlacht, - Gefühle werden Mittel zum Zweck, Liebe wird als reine Existenzsicherung missbraucht, Luxuswahn und Lebensgier wird grenzenlos, - das Fernsehen ist eine nicht mehr zu überbietende Verblöderung und Beleidigung elementarster kultureller Bedürfnisse, in seiner gnadenlosen Primitivität unaufhaltsam das Publikum verhöhnend, - die Genusssucht unersättlich und unerträglich in dekadentem Ausmaß gesteigert, - die Politik unsere Kinder vernachlässigend und in grenzenlosem Egoismus als asozialer Ballast stigmatisiert,- eine blinde und stümperhafte Bildungspolitik, die Zukunft unserer Nachkommen bewusst missachtend, primitivste Wertvorstellungen und Brutalität vermittelnd oder duldend, - die Prostitution in riesiger Zunahme, - Verrohung und Fanatismus sowie Rückbesinnung auf nationale Interessen in einer wachsenden Globalisierung paradoxerweise zunehmend.

Durch Verlust des Gleichgewichts der Kräfte in einer weltpolitischen Neuordnung  entwickelt sich ein in der amerikanischen Regierung aufkommender Führungswahn mit ständig wachsendem, ungebremsten Großmachtstreben, unterstützt durch eine ständig einsatzbereite Kriegsmaschinerie, einhergehend mit der künstlichen Schaffung von weltweiten Krisenherden als Rechtfertigung für das bestehen einer florierenden Waffenindustrie.

Die Irrationalität und Verbrecherbrutalität wächst ins Grauenhafte, - der Parteienkampf in Deutschland lässt alle rechtliche und sittliche Grundsätzlichkeit vermissen und ist zum elenden Persönlichkeitszank um politische Ämter verkommen.

Politische Ämter werden ausschließlich als Selbstbedienungsläden zur Existenzsicherung missbraucht, die Führung in den meisten Ländern der Welt ist kleinlich, armselig, rücksichtslos. Überall herrscht Unvernunft, Verlogenheit, Scheinwesen, Verlumpung, Missmut, Korruption, Manipulation, Unzufriedenheit, Unbehagen und wiederum an allen Enden der Größenwahn.

In summa:

Es herrscht Weltuntergangsstimmung durch menschliche Verkommenheit, Egoismus und Uneinsichtigkeit in höchster Potenz und bedrückende Ohnmacht und Resignation der Völker. Und solange wir bedeutende Persönlichkeiten unseres Lebens als feindlich empfinden, weil wir, die Masse des Volkes, keine sind oder sein wollen und den falschen, zuvor erschaffenen Propheten folgen, indem wir Schwachköpfe unserer Zeit in der Öffentlichkeit zu bedeutenden Persönlichkeiten aufwerten, die aufgrund einer ungeheuren Propagandamaschinerie in Medien, Funk und Fernsehen unseren Geschmack, unser Denken und Handeln beeinflussen oder gar bestimmen und uns in die niedrigste Mittelmäßigkeit herabziehen, wird der Untergang unserer Zivilisation nicht aufzuhalten sein.“

„Ich finde diese Art von Doppelspiel widerlich“, sagt Eve kopfschüttelnd. „Besteht denn die ganze Welt heute nur noch aus Korruption, Falschheit, Lüge und Intrige?“

„Ja und nein, Eve! Ich glaube nicht, daß sie früher besser war“, erwidert Winter lächelnd. „Im Übrigen sind das ziemlich unklare Begriffe, Eve. Man kann mit einer Lüge unter Umständen der Wahrheit besser dienen als mit verfrühter Offenheit. Lügen tun wir alle, und dies sogar täglich. Wir müssen sogar lügen, weil sonst in unserer Welt Mord und Totschlag herrschen würde. Stellen Sie sich einmal vor, jeder würde ungeschminkt dem anderen die ungeschminkte Wahrheit sagen.“

Er macht eine kleine Pause, nimmt einen Schluck Whisky und fährt fort: „Und die Wahrheit! Was ist schon die Wahrheit vor allem in unserem Fall? Kein Mensch kennt sie wirklich. Nahezu alles in der Welt ist und wird manipuliert. Das ist die einzige Wahrheit, die ich kenne. Die Menschen manipulieren nun einmal gerne, wenn sie die Macht dazu haben und auf der anderen Seite genügend da sind, die sich manipulieren lassen. Sie manipulieren zum Beispiel die Börse, die Preise, den Geschmack, gleich, was man sich auch denken kann, wird manipuliert. Es gibt zum Beispiel durchaus ernst zu nehmende Stimmen, die sagen, George F. Kennedy sei vom CIA ermordet worden, ebenso seien angeblich die Bombenangriffe auf das World Trade Center sogar vom CIA verübt worden, um eine Budgetkürzung des Verteidigungsetats zu verhindern. So vermutet man weiterhin, bin Laden habe die Terrorangriffe nur gestartet, weil er vorher an der Börse auf fallende Kurse gesetzt hat, also sozusagen „Short gegangen“ ist, um damit noch mehr Milliarden zu verdienen als er ohnehin schon hat, um seinen heiligen Krieg zu finanzieren. Saddam Hussein wird manipuliert, in dem man ihn demütigt, um einen Machtwechsel herbeizuführen. Die Dinge im Leben sind sehr schwierig und vor allem die Politik. Ethik suchen Sie da vergeblich. Menschen, immer da wo Menschen sind, ist gerade dieser Mensch der „Abgrund“, in dem es uns schwindelt, wie Georg Büchner in seinem „Woyzeck“ sagt, „wenn wir hinabschauen“, und wer kennt schon die wahren Motive menschlichen Handelns! Wir schauen nur vor den Kopf und nicht hinein! Und was die Korruption betrifft, sie hat es schon immer gegeben, vor allem im Orient ist sie an der Tagesordnung. Denken Sie an die Mullahs und die Millionen. Wo Geld fließt, da fließt kein Blut! Weil zum Beispiel die Schahanhänger des alten Persiens die islamischen Revolutionäre schmierten, konnten sie fliehen. Sie zahlten für ihre Freiheit Millionen amerikanische Dollars. Die meisten dieser Blutgeschäfte wurden in der Schweiz abgewickelt. Ich selbst kannte einen Todeskandidaten, der noch ein paar Tage zuvor im Qasr-Gefängnis von Teheran saß, der sich für zehn Millionen Franken einen persischen Blancopaß, versehen mit Bild und Stempel besorgte und sich somit die Freiheit erkaufte.“

Seine beiden mächtigsten Freunde aus den Zeiten vor der Revolution, Schah – Leibarzt Alam und Geheimdienstchef Nassiri, wurden von Exekutionskommandos erschossen. Der Iraner, von dem ich zuvor sprach, hatte sich mit derselben Methode freigekauft, die ihm unter dem Schahregime zu seinem Reichtum verholfen hatte, nämlich durch Bestechung. Für umgerechnet fünfzehn Millionen Schweizer Franken brachten ihn die revolutionären Milizen aus dem Gefängnis von Teheran. Von dort ging die Reise nach Zürich. Heute lebt dieser Mann als Besitzer einer Ranch in den vereinigten Staaten. Und so wie er, haben sich seit dem Sturz des Schahs im Januar 1979 fast zweitausend Iraner die Flucht aus ihrem Land erkauft. Etwa 200 Millionen Schweizer Franken, so schätzen die Exiliraner, sind auf diese Weise in die Taschen der revolutionären Mullahs um Ajatollah Khomeiny geflossen. Der letzte Schah, Premier Dr. Schapur Bakhtiar, ebenfalls heimlich aus dem Land geflüchtet, äußerte einmal gegenüber der Presse: Die Korruption ist schlimmer als je zuvor. Die Meisten übrigens, die flüchten konnten, leben heute in Amerika, Frankreich und Großbritannien und halten sich versteckt, aus Angst vor Attentaten.“

„Woher wissen Sie das alles so genau?“ unterbricht ihn Eve.

„Solchen Menschen zu helfen war und ist ein anderer Teil meiner Tätigkeit als Jurist und Geschäftsführer verschiedener Organisationen“, erwidert Winter knapp.

Wieder nimmt er einen Schluck, setzt dann seinen ursprünglichen Vortrag fort: „Jede Organisation spielt ihr eigenes Spiel um Macht und Einfluß. Selten geht es aber dabei aber um die Interessen der Menschen im Allgemeinen, sondern überwiegend um die Interessen im Besonderen, also Einzelner weniger, vor allem derer, welche die Macht haben und behalten wollen. Und was Gerüchte betrifft, so ist es schon immer so gewesen: Wo Rauch ist, da ist auch Feuer! Und dann schließlich, um nochmals auf die Wahrheit zurückzukommen: Die Wahrheit ist eine meist sehr bittere Medizin, deren mengenmäßige und zeitliche Dosierung eine große Kunst ist. Wie sagte schon der alte Konfuzius: Wahre Worte sind nicht schön, und schöne Worte sind nicht wahr! Gerade deshalb müssen wir, wie bereits gesagt schon ab und zu lügen. Auch hier kommt es auf die richtige Dosierung und auf die Motive an. Die wenigsten Menschen sind imstande, die Wahrheit zu verdauen, ohne der Verzweiflung anheim zu fallen.“

„In welchem Zusammenhang meinen Sie das?“ fragt Rose, die von dem neuen George Winter völlig überrascht ist.

Dieser antwortet nach kurzer Überlegung, um auch die richtigen Worte zu finden: „Die ganze Menschheitsgeschichte ist geprägt von Gewalt und Eroberung. Die wahren Motive waren stets nur die Verbreitung von Macht und die Vermehrung von Reichtum einiger Weniger, die diese Macht ausübten. Andere Motive sind stets nur vorgeschoben. Das hat sich übrigens bis heute auch nicht verändert. Wir Engländer haben vorgegeben, die Zivilisation verbreiten zu wollen, und deshalb Völker unterjocht, die gar nicht zivilisiert werden wollten, um ihre Reichtümer auszubeuten. Ihr Amerikaner wollt die Welt „fit for democracy“, also reif für die Demokratie machen, glauben ebenso wie wir, die Briten, an ihre Mission und meinen trotzdem in Wahrheit ihren Welthandel und die Sicherung von Rohmaterialien, gleich welcher Art, vor allem aber Erdöl. Auch bei den Auseinandersetzungen mit Saddam Hussein geht es Präsident Bush doch nicht um Befriedung des nahen Ostens oder um präventive Verhinderung eines zweiten Golfkrieges, es geht ihm meines Erachtens um einen Machtwechsel, um sich den Zugang zum Öl auf Dauer zu sichern.“ fügt er betrübt hinzu und fährt nach kurzem Nachsinnen fort: „Welche Gefahren dies jedoch für das irakische Volk, welches keinerlei ideologischen Zusammenhalt mehr hat, sondern nur noch um das nackte Überleben kämpft hat, das fragt sich hier niemand ernsthaft. Ich fürchte ein eventuelles entstehendes Machtvakuum könnte zum Bürgerkrieg führen. Aber um wieder zum Thema zu kommen: Bei allen Motiven geht es also in Wirklichkeit stets nur um die Durchsetzung materieller Interessen. Die Russen tarnten bisher ihre Weltherrschaftspläne mit der dreisten Behauptung, die Arbeiter der ganzen Welt vom fluchwürdigen Kapitalismus erlösen zu wollen und sind nach dem Zusammenbruch des sowjetischen Reiches auf einmal demokratisch eingestellt, weil es dem Wohlstand einer herrschenden Minderheit mit gewissen Maffiastrukturen gerade entgegen kommt. Die ganze Menschheitsgeschichte ist in ihrer Aggressionspolitik seit Anbeginn von falschen Motiven geprägt. Alle wollten und wollen alle von irgend etwas erlösen, wovon die anderen gar nicht erlöst werden wollten oder wollen.“

„Und die Freiheit, Sir? Die Freiheit?!“ wirft Jack schmunzelnd ein, der George Winter auch immer sympathischer wird und dabei an sein geliebtes Irland denkt.

„Ach, Mr. Wilder“, - lächelt Winter und schließt: „Die Menschen in ihrer überwältigenden Mehrheit wissen überhaupt nicht was Freiheit ist, sondern wollen nur ein möglichst behagliches Auskommen haben und ganz im Sinne des rousseauschen Freiheitsbegriffes lediglich nicht zu Handlungen gezwungen werden, die sie nicht tun wollen!“

Claire Thomson hat stillschweigend zugehört. Sie kann es immer noch nicht fassen, wie anders alles mit Winter und zwischen ihm und ihr geworden ist, seit sich unbeabsichtigt der Schuß löste und ihn unglücklicherweise traf und sie verzweifelt flüchtete, als sie glaubte, ihn getötet zu haben. Schon hatte sie sich der Polizei stellen wollen, als Rose Kensingtons Anruf rettend kam. Auch sie ist schlagartig eine andere geworden, fühlt sich seltsam befreit.

Darum sagt sie: „Ich habe in den letzten furchtbaren Stunden, während ich eine wahre Hölle durchschritten habe, gelernt, was Freiheit ist, George. Es gibt keine Freiheit ohne Mitgefühl, Verständnis und Liebe!“

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