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Nicole ist, als habe die ganze Welt begonnen, sich um sie zu drehen, und sie muss an der Tischkante Halt suchen, um nicht umzufallen. Ihre Beine drohen nachzugeben, so sehr ist sie geschockt. „Hans ist verheiratet? Mit Ihnen?“ stöhnt sie leise und ungläubig auf.

Gisela Wellner sieht das, wirft ihren Mantel ab, tritt an Nicole heran, führt sie fürsorglich zum Sessel und sagt mit mütterlicher Wärme in der Stimme, der nun jede Härte und Bitterkeit fehlt: „So, jetzt setzen Sie sich erst einmal hin und bleiben ganz ruhig!“ Und dann fährt sie fort: „Dass es so schlimm steht, konnte ich nicht ahnen. Sie haben also gar nicht gewusst, dass Hans eine Frau und Kinder, nämlich ein zehnjähriges Zwillingspaar, hat?“

Mit Tränen im Gesicht und verschleiertem Blick schaut Nicole ihr direkt in die Augen und sagt entrüstet: „Wofür halten Sie mich denn? Glauben Sie, ich hätte sonst –? Oh Gott! Oh Gott!“

Schluchzend birgt sie den Kopf in den Händen.

Gisela Wellner lässt sie eine Weile lang gewähren. Sie ist selbst bestürzt. Das arme Ding! Sie hat sich diese Unterhaltung etwas anders vorgestellt, zumal sie aufgrund ihrer Menschenkenntnis absolut davon überzeugt ist, dass Nicole Breitner die Wahrheit sagt und offensichtlich nicht gewusst hat, dass Hans verheiratet ist.

Dann setzt sie sich zu Nicole auf die Sessellehne, hebt sacht ihren Kopf auf und drückt ihn an sich, um ihr beruhigend über das Haar zu streichen: „Ich bin nicht Ihre Feindin, Fräulein Breitner, oder Ihnen gar böse, wie Sie normalerweise annehmen müssten. Wie könnte ich es sein? Nein! – Im Gegenteil! Sind wir nicht beide gleichermaßen die Betrogenen?“

Nicole hat sich schon wieder etwas in der Gewalt und ruft mit schluchzender Stimme: „Wie gemein –, wie gemein –! So ein Schuft! So ein Lügner! Ich bin ein Idiot!“

Fast heiter lacht Frau Wellner auf: „Recht so! Schimpfen Sie sich nur aus. Das befreit ein wenig. Früher habe ich es auch so gemacht. Aber mit den Jahren gewöhnt man es sich ab, weil man die Dinge damit nur verschlimmert.“

„Oh –, wie gemein und schlecht sind doch die Männer!“ stößt Nicole nunmehr zornig heraus. „Von ihm hätte ich sowas nie gedacht, ich hielt ihn für anständig!“

„Womit Sie sich nicht einmal geirrt haben. Mein Mann ist nämlich gar nicht schlecht, sondern grundsätzlich wirklich anständig. Wenn er Ihnen verschwiegen hat, dass er verheiratet und Vater zweier Kinder ist, so können Sie gewiss sein, dass er Ihnen diesen Tatbestand auf Dauer nicht verheimlicht hätte, schon weil das gar nicht geht und er ganz bestimmt sogar innerlich unter dieser anfänglich ungewollten Lüge gelitten hat – wenigstens bis zu einem gewissen Grade. So gut kenne ich ihn nämlich. Für uns Frauen ist die Liebe alles. Für einen Mann gibt es daneben aber noch andere Dinge. Es gibt eben aber leider mehr Prinzen, die sich, wenn man sie küsst, in Frösche verwandeln, als umgekehrt.“ Und mit etwas Humor fährt sie fort: „Tatsächlich ist er aber nicht nur ein Frosch, sondern eher ein durchaus fürsorglicher und anständiger Mensch.“

Nicole hat sich nun wieder völlig in ihrer Gewalt und sagt jetzt ruhig aber traurig: „Umso unbegreiflicher erscheint es mir, dass Hans – oder genauer, dass Ihr Mann – eine Frau wie Sie hintergehen kann und seine Ehe mit zwei Kindern und deren Zukunft gefährdet. Er ist treu- und ehrlos!“

„Sehen wir einmal davon ab, dass ich nicht so gesund bin, wie ich Ihnen erscheine! – Bedenken Sie, liebes Kind, der Mensch ist schwach und vergisst um seines Nutzens willen leicht Treue und Ehre. Aber hatten Sie schon einmal Lust, zu verreisen und eine Zeitlang anderswo zu verweilen?“ lächelt Frau Wellner wehmütig.

„Ja, schon, – aber –“, nickt Nicole zustimmend

Frau Gisela Wellner hebt leicht ihre Stimme und setzt zu einer längeren Erklärung an: „Auch die vernünftigsten Männer bekommen in punkto Liebe mitunter so etwas wie Wanderlust. Hält man sie mit Gewalt fest, kann das zur Zerstörung der Ehe führen. Eine kluge Frau lässt den großen Jungen getrost einmal auf Fahrt gehen, wenn sie seiner Rückkehr gewiss ist. Meistens zumindest ist das so, aber nicht immer. Sehen Sie, mein kleines Fräulein Nicole, – ich darf doch Nicole zu Ihnen sagen? Deshalb bin ich hier. Mit Ihnen ist es nämlich etwas anders, als es sonst bei anderen Frauen, die sich für meinen Mann interessieren, zu sein pflegt. Hätte es mir der Inhalt und der Ton Ihres Briefes noch nicht deutlich genug gesagt, dann wüsste ich es jetzt, da ich Sie nun gesehen und gesprochen habe, ganz sicher. Ich möchte verhindern, dass Hans aus lauter Anständigkeit an uns beiden noch weiteres und größeres Unrecht verübt. Er soll weder Ihr Leben noch meine Ehe zerstören. Und so ganz nebenbei: Die Hoffnung, durch einen Seitensprung einen besseren Partner für eine gemeinsame Zukunft zu finden, ist äußerst trügerisch. Nur in wenigen Fällen enden nämlich solche Affären in ,echten‘ Beziehungen. Vielen ist das allerdings gerade recht, denn die Affäre oder der Seitensprung sind ohnehin nicht auf lange Sicht angelegt.“

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