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Leseprobe „Kein leichtes Erbe“

Ohne anzuklopfen, betritt Fritz Köpke Svetlanas Zimmer. „ Hat es geklappt?“ Das ist seine ganze Begrüßung. Sie ist nur zu geeignet, Svetlana in ihrem Entschluß, sich ein für alle Male von ihm zu trennen, noch zu bestärken.

Wenn er erwartet hat, sie werde ihm um den Hals fallen, belehrt sie ihn deutlich eines anderen, indem sie kühl und ruhig sagt: „ Ich bin erschüttert von soviel Wiedersehensfreude und Zärtlichkeit. Nein. Danke, du brauchst dich nicht mehr zu bemühen! Nimm Platz! Ich habe mit dir zu sprechen.“

„ Was soll das heißen?! Möchtest du mir nicht sagen, wie die Sache in Düsseldorf ausgegangen ist?

„ Gut und schlecht, je nachdem. wie man es nimmt. Ich habe genau nach deinen Informationen und deinem Plan gehandelt.“

„ Und der Erfolg?“

„ Für mich ist der größte Erfolg der, daß ich mir endlich über dich klar geworden bin und nichts mehr mit dir zu tun haben will.“

Seine Augen werden schmal, und mit einem Unterton versteckter Drohung fragt er: „ Soll das etwa heißen, daß du die Absicht hast, das ganze Geld zu behalten? Wieviel hast du herausgeholt?“

Leider nur sechzig Tausend, lügt sie. Der Rest von dreihundert Tausend soll nach und nach überwiesen werden – an Fräulein Verena Warnke. Also wird die Überweisung gar nicht erfolgen, weil der ganze Schwindel bis dahin aufgedeckt sein wird.“

„ Gib das Geld her!“

„ Und wenn ich mich weigere, was dann?“

„ Sehr einfach: Dann bist du geliefert. Ein kleiner Wink an die Kriminalpolizei dürfte genügen.“

„ Dann würde ich sagen, von wem ich den gefälschten Paß und den Auftrag bekommen habe.“

„ Wo ist der Paß?“

„ Vernichtet.“

Fritz Köpke lacht höhnisch auf: „ Sehr klug, im Hinblick auf mich, aber herzlich dumm für dich, liebe Svetlana!“

„ Ich bin nicht mehr deine liebe Svetlana. Ich bin wieder ich.“

„ Was du bist, will ich dir sagen. Ich habe dich unterschätzt. Du bist raffinierter, als ich geahnt habe. Du wirst dir aber hoffentlich darüber klar sein, daß du ohne mich nicht weiter kommst. Du könntest höchstens die Geliebte deines früheren Bewunderers, Herrn Marconi, werden. Er war ja damals verrückt genug nach dir und ganz scharf auf dich.“

„ Ich werde im Gegenteil nur ohne dich weiterkommen, weil ich nur ohne dich wieder anständig und ehrlich sein kann. Ich werde arbeiten und Verena Warnke das Geld zurückzahlen und erwarte von dir, daß du ebenso verfährst.“

Sie nimmt ihre Handtasche und öffnet sie: „ Wir werden uns das Geld teilen. Hier sind dreißig Tausend.“

Ihm kommt ein Gedanke, und mit gut gespielter Gelassenheit nimmt er die Scheine und sagt: „ Mir scheint, du hast dich hereinlegen lassen. Ich zweifle an der Echtheit der Banknoten.“

„ Ich nicht.“ Dennoch nimmt sie ihr Bündel mit den dreißig Scheinen in die Hand und wirft einen prüfenden Blick darauf.

Diesen Augenblick benutzt er, um sie ihr mit leichtem Griff aus der Hand zu reißen, und lacht sie aus: „ Du musst noch einiges dazu lernen. Arbeite nur recht fleißig, um die dreißig Tausend zurückzahlen zu können! Für lukrativere Geschäfte bist du letzten Endes doch zu einfältig. Ich begrüße deinen Entschluß, dich von mir zu trennen. Auf Wiedersehen, Fräulein – Warnke!“

Er wirft ihr einen Tausendmarkschein wie ein Almosen zu: „ Da! Damit du dein sogenanntes neues Leben anfangen kannst!“

Ehe sie sich gefasst hat, ist er fort.

„ Was nun? Was nun?!“ bohrt es in ihr. Lange Zeit ist sie wie gelähmt. Endlich rafft sie sich auf und macht sich auf den Weg, um Fritz aufzusuchen, obwohl sie sich über die Sinnlosigkeit dessen keinem Zweifel hingibt. Ihr Gang ist wie der einer Traumwandlerin. Aber sein Zimmer ist leer. Sie fährt zur Halle hinunter und fragt nach ihm.

„ Herr Wohlrab ist vor einer halben Stunde abgereist“, ist die Antwort.

„ Danke“, sagt sie. „ Mein Zimmer wird morgen gleichfalls frei.“

„ Wollen Sie uns schon verlassen?“

„ Leider muß ich es. Wo finde ich Fräulein Warnke?“

„ Sie dürfte auf ihrem Zimmer sein.“

Svetlana geht zum Aufzug. Sie will Verena alles gestehen. Dann mag mit ihr selbst geschehen, was das Schicksal will. Ihr ist plötzlich alles ganz gleichgültig geworden.

Als sie am Fahrstuhl ist, kommt dieser gerade herunter, und Verena tritt heraus: „ Svetlana! Fräulein Svetlana! Wie ich Sie vermisst habe! Ist Herr Wohlrab auch schon unten?“

Es würgt Svetlana in der Kehle, und sie glaubt, ihre Stimme nicht mehr zu kennen, als sie erwidert: „ Ich habe soeben erfahren, daß Herr Wohlrab abgereist ist –„

„ Der Ärmste wird wieder geschäftlich abgerufen worden sein. Nur gut, daß ich Sie noch habe! Mit diesen Worten hakt sie sich bei Svetlana ein und drückt ihren Arm zum Zeichen herzlicher Freude.

„ Ich kann es ihr nicht mehr sagen, kann es einfach nicht!“ denkt Svetlana. „ Ich könnte diesem lieben Mädchen nicht dabei in die Augen sehen und ihre Verachtung nicht ertragen. Fort, nur fort von hier! Nur heute will ich es als Buße auf mich nehmen, schmerzlich und letztmalig die Wärme ihrer Freundschaft und ihres Vertrauens zu empfinden, und morgen –Äpfelchen, wohin rollst du? Auf alle Fälle morgen mit dem Frühzug zunächst nach Frankfurt und von dort weiter – gleich, wohin! Aber ich werde ihr sagen, ich müsse abreisen.“

Am nächsten Morgen läßt Verena es sich nicht nehmen, Svetlana zur Bahn und an den Zug zu bringen.

„ Ich denke, ich werde auch nicht mehr lange bleiben, sondern bald nach Düsseldorf fahren. Dort werde ich einige Zeit zu tun haben. Sie müssen mir versprechen, mich dort zu besuchen, sobald sie können!“ sagt Verena, als der Fahrdienstleiter zum Einsteigen mahnt.

„ Nein, nein!“ möchte Svetlana aufschreien. Aber sie kann nur stammeln: „ Verena-!“

„ Zurücktreten, bitte!“ ruft es.

Schluchzend fällt sie Verena um den Hals und stöhnt auf: „ Leb wohl, liebe, liebe Verena! Leb wohl!….. Und im letzten Augenblick springt sie in den Zug, der sich bereits in Bewegung setzt und sie nach München bringen soll.

Mit Tränen in den Augen winkt sie der Zurückbleibenden aus dem Abteilfenster zu, bis sie ihren Blicken entschwunden und der Zug in voller Fahrt ist. Dann sinkt sie wie tot in die Polster und starrt mit weit geöffneten Augen ins Nichts, während Verena sich auf dem Heimwege vergeblich fragt, was sie über Svetlanas ihr so wirr erscheinenden Worten denken soll.

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