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Der Zwanzigtausend-Brutto-Registertonnen fassende Containerfrachter „Granada“, der eine Ladung Maschinen beförderte, bewegte sich gemächlich durch die schwache Dünung des Stillen Ozeans, der um diese Zeit seinem Namen alle Ehre machte. Der leichte Passatwind aus Südwest half ihm auch nicht, schneller zu werden. Die „Granada“, ein Schiff der in San Francisco beheimateten California Line, befand sich auf dem Weg nach Sydney.

Der Zeiger der Uhr auf der Kommandobrücke sprang auf Zwölf und löste das Signal der Schiffsglocke aus: Wachwechsel. Tom Smith, der Erste Offizier, betrat im gleichen Augenblick die Brücke, um Kapitän Moregate abzulösen. Er legte kurz die Hand an die Schirmmütze, damit seine Bereitschaft zum Dienstantritt meldend. Smith war auffallend unruhig. Kapitän Moregate, ein Hüne von einem Mann, bemerkte es mit leichtem Erstaunen. Was gibt es, Smith?“ fragte er seinen Ersten. „Warum machen Sie so ein ernstes Gesicht? Ärger gehabt?“

„Nein“, kam es zögernd zurück. „Von Ärger kann keine Rede sein. Aber ich mache mir Sorgen. Ich bin mir durchaus darüber klar, dass das wahrscheinlich unbegründet ist, komme aber trotzdem nicht dagegen an.“

„Mensch, entlasten Sie Ihr Gemüt!“ lachte der Kapitän schallend. „Seit Tagen schippern wir auf unserem Kahn mit ihrer wohlverstauten Ladung durch die harmloseste See, die ich je erlebt habe. Unsere Besatzung ist vergnügt, die Männer können sich einer seligen Faulheit hingeben und singen dann und wann Shanties, um auf diese Weise ihre Präsenz zu zeigen. Und da machen Sie ein Gesicht, als drohe uns ein Orkan!“

Ich befürchte nichts dergleichen“, erwiderte Smith. „Schiff und Mannschaft sind in Ordnung und das Barometer steht so, wie wir es uns nicht besser wünschen könnten. Aber…”

„Aber -? Heraus mit der Sprache, Smith! Haben Sie etwa Liebeskummer? Mann, in wenigen Wochen sind wir doch schon wieder in Frisco!“

„Nein“, versuchte nun auch Smith zu lachen. „Ich trage keine unglückliche Liebe mit mir herum.“

„Um so besser! Was also bedrückt Sie? Mir können Sie es getrost sagen.“

„Ich könnte es, wenn ich nicht befürchten müsste, mich lächerlich zu machen, Kapitän.“

„Das verstehe ich nicht. Habe ich jemals etwas, was Sie sagten, für lächerlich erklärt oder gar darüber gelacht? Nein. Also,…?“

„Ich habe eine schlimme Ahnung – genau so wie seinerzeit auf der ‚Miriam’.“

„Smith, ich weiß, das war keine von ungefähr kommende Vorahnung, sondern eine nur zu berechtigte Besorgnis. Wenn ich mich recht an das erinnere, was Sie mir mal erzählten, dann hatten Sie im Laderaum ein verdächtiges Geräusch gehört. War es nicht so?“

„Ja.“ Tom Smith schloss für einen Augenblick die Augen und fuhr dann fort: „Damals, bei der Inspektion der Laderäume hörte ich mittschiffs ein Ticken. Ich konnte nicht genau ausmachen, woher es kam und beeilte mich, Kapitän Nordham davon Meldung zu machen. Er wollte mir nicht glauben, meinte sogar, ich litte unter Wahnvorstellungen, ging dann doch selbst hinunter, um sich zu überzeugen. Ich sah ihn noch in den mittleren Laderaum gehen. Und dann…“

„Machen Sie es nicht so dramatisch, Smith!“ unterbrach Kapitän Moregate seinen Ersten Offizier. „Was geschah dann?“

„Wir hörten das Krachen einer Explosion. Alles stürzte auf Deck, gerade noch rechtzeitig genug, um in die Rettungsboote zu gelangen. Gott sei Dank hat es da keine Probleme gegeben. Sie waren zwar ziemlich überfüllt, aber es reichte aus. Kurz darauf brach das Schiff mitten auseinander und beide Teile sanken binnen weniger Minuten. - Es war schrecklich!“

„Und was geschah mit Nordham? Vor dem See-Gericht sagten Sie aus, niemand habe von ihm etwas gesehen. Stimmt das?“

„Vermutlich wurde er durch die Explosion sofort getötet. Davon musste man zwingend ausgehen. Da aber alle anderen Seeleute sich auf Deck, oder zumindest nahe dem Oberdeck befanden und sich in die Rettungsboote retten konnten, kam außer ihm niemand ums Leben. Wir hatten auch noch Glück im Unglück. Das Wetter und die See waren ruhig. Also, für mich gibt es keinen Zweifel darüber, dass Kapitän Nordham und die ‚Miriam’ Opfer einer Bombe geworden sind.“

„Mir scheint, Sie selbst sind dem nur um Haaresbreite entgangen. Stellen Sie sich vor, er hätte Ihnen befohlen, ihn zu begleiten. So gesehen hat es Ihnen sogar das Leben gerettet, dass er Ihnen keinen Glauben geschenkt hat.

„Von dieser Seite habe ich das noch gar nicht betrachtet.“

„Wie kamen Sie übrigens auf die ‚Miriam’?“

„Der als Erster Offizier angeheuerte Mr. Clearing wurde überraschend krank, und ich war bereit, einzuspringen, weil ich so vom Zweiten zum Ersten aufrücken konnte. Verstehen Sie mich bitte recht, Kapitän: Entweder leide ich an Halluzinationen, oder aber ich habe vorhin wieder so ein verwünschtes Ticken gehört. Sagen Sie bitte ganz ehrlich, halten Sie mich für verrückt?“

„Ausgeschlossen!“ lachte der Kapitän, fuhr aber sogleich fort: „Gut. Zu Ihrer und auch zu meiner Beruhigung werde ich nochmals die Laderäume überprüfen.“

„Tun Sie es nicht!“ rief Smith aufgeregt. „Nordham tat es auch und bezahlte mit seinem Leben!“

„Unsinn!“ Moregate, nickte seinem Ersten zu und verließ die Brücke mit den Worten: „Ich bin fest davon überzeugt, dass Sie Gespenster gesehen oder vielmehr gehört haben…“

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