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Kein leichtes Erbe

Das Stammkapital der Firma Windisch & Wohlrab AG beträgt fünfhunderttausend Euro. Davon hält Rolf Windisch einhundertzwanzigtausend, Rüdiger Wohlrab und Patric Winter je einhunderttausend und Verena Warnke einhundertachtzigtausend Euro.

Fräulein Warnke ist offensichtlich in Geschäften ein unerfahrenes Mädchen. Diesen Eindruck jedenfalls hat Patric Winter. Also hat sie ihm ihre Anteile, die mehr als das Zehnfache wert sind, für den Nominalwert verkauft und nach Unterzeichnung des Vertrages von ihm den Betrag in Höhe von einhundertachtzigtausend Euro, wie sie es ausdrücklich verlangt hat, in bar in Empfang genommen. Die dreihundertsechzig Fünfhunderterscheine verschwinden in einem durch Reißverschluss gesicherten Seitenfach ihrer großen Reisehandtasche. Im Anschluss daran folgt sie einer Einladung Patric Winters zum Lunch im Kaiserhof.

Beinahe hätte es noch in letzter Minute eine Panne gegeben.

Als sie zur Unterschrift des Vertrages aufgefordert wurde, erschrak sie bei dem Gedanken, man könne ihre Unterschrift mit den Schriftzügen auf dem Pass vergleichen. Das war nochmals ein Augenblick nervenzerreißender Spannung gewesen. Aber erfreulicherweise war Patric nicht auf den Gedanken gekommen. Es war alles gut gegangen. Fritz Köpke hatte mit ihrer Hilfe sein Ziel erreicht und seinen Klassenkameraden um einhundertachtzigtausend Euro erleichtert.

Jetzt sitzt Svetlana, alias Verena Warnke, mit Patric Winter beim Essen. Er hat den erfolgreichen Abschluss des Geschäftes mit ihr „begießen“ wollen.

Es schmeichelt Patric, von einigen Bekannten auf der Straße und im Restaurant mit einer solchen Schönheit zusammen gesehen zu werden. Svetlana wiederum versteht es, ihn dadurch gut zu unterhalten und von sich abzulenken, indem sie ihn immer wieder dazu anregt, von seinen Plänen zu sprechen, was nicht einmal so schwer ist, da ihm zusätzlich der reichlich konsumierte Champagner die Zunge löst. Im Übrigen weiß sie, dass fast alle Menschen lieber reden als zuhören, ganz nach dem Motto: „Es ist leichter eine Rede, als den Mund zu halten.“

„Wie verstehen Sie sich mit Ihren Teilhabern, Herr Winter?“ fragt sie wie beiläufig.

Patric Winter runzelt leicht ungehalten die Stirn, fängt sich aber sogleich, als er an seinen jüngsten Coup denkt, hält er doch jetzt die Mehrheitsanteile an der Firma. Er denkt dennoch nicht allzu schlecht und sagt daher: „Windisch ist zwar ein Mann, mit dem ich auskommen kann, aber Wohlrab ist eigensinnig und stur. Mit ihm kann ich nicht arbeiten.“

„Und er vielleicht nicht mit Ihnen“, sagt sie lächelnd.

„Das wird ja nun bald anders werden“, erwidert er mit siegessicherem Lächeln. „Der Kauf Ihrer Anteile hat mich in den Besitz der Majorität gebracht. Jetzt kann ich bestimmen, wie und was geschieht. Und es wird vieles anders werden.“

Svetlana lächelt: „Sie auch? Man sagt, der Mensch wachse mit seinen Aufgaben.“

„Die Zukunft wird es erweisen“, wirft er leicht hin. „Im Augenblick freue ich mich, mit Ihnen zusammen sein zu können, und denke mit keinem einzigen Gedanken an irgendwelche Geschäfte. Wissen sie, dass Sie eine auffallend aufregende Schönheit sind, Fräulein Warnke?“

Svetlana erwidert ironisch: „Ach –! Das hat mir bisher noch niemand gesagt. Was finden Sie denn an mir schön?“

„Alles. Außerdem besitzen Sie einen Charme, der mich regelrecht bezaubert – um nicht zu sagen – verzaubert.“

„Oh, Sie verzauberter Prinz!“ lacht sie jetzt herzlich und geschmeichelt, denkt aber sofort: Leihe niemals einem Schmeichler dein Ohr, so hat es auch mit Fritz angefangen.

Patrics Gesicht wird ernst als er sagt: „Wissen Sie, was ich möchte, Fräulein Warnke?“

„Ich bin gespannt, es zu hören! Sie legen ein ordentliches Tempo vor!“

„Sie irren sich, Fräulein Warnke. Hier handelt es sich nicht um ein gewolltes Tempo, sondern darum, dass Sie mich, ohne es zu wissen oder zu wollen, durch Ihr ganzes Wesen und Ihre Bemerkung vorhin dazu gebracht haben, mir über einiges klar zu werden. Mir ist in der Vergangenheit viel in den Schoß gefallen, nicht nur das Erbe, sondern ich habe auch sonst einiges Glück gehabt. Sie erinnern mich an die Verantwortung, die ich mir jetzt aufgeladen habe, und ich muss einsehen, dass auch bei mir die Dinge nicht mehr so weitergehen können. Bedenken Sie dabei bitte, dass ich niemandem gegenüber Rechenschaft schuldig war und auch bisher für niemanden zu sorgen hatte.“

„Und jetzt?“ hinterfragt sie mit kokettem Augenaufschlag.

„Auch jetzt gibt es noch niemand, für den ich verantwortlich zu sorgen hätte. Das könnte aber unter Umständen jeden Tag anders werden, wenn –“

Svetlana wird plötzlich ein wenig bange vor dem, was jetzt kommen könnte. Sie hat ihn nach allen Regeln der Kunst belogen und betrogen, und jetzt schickt er sich womöglich an, ihr eine Liebeserklärung oder dergleichen zu machen! Ein kurzer Blick auf die Uhr beunruhigt sie zudem. Sie wollte schon längst wieder auf dem Weg nach Garmisch sein, wo Fritz sicherlich ungeduldig auf sie wartet.

Sie sagt daher mit gut gespielter Überraschung: „Oh, mein Gott! Es ist höchste Zeit, Herr Winter. Ich muss zur Bahn, sogar sehr schnell. Sonst versäume ich am Ende noch meinen Zug. Es ist der IC ,Alpenexpress‘ nach München. Kommen Sie! Bringen Sie mich bitte schnellstens zum Bahnhof!“

Sie spielt die Nervöse perfekt, bis sie im Abteil des Münchner Zuges sitzt.

Patric Winter hatte sie zuvor noch um ihre Anschrift in Garmisch gebeten. Dass sie dorthin fährt, hatte ihm ein Blick auf die Fahrkarte gezeigt. Dies war nochmals ein kritischer Augenblick gewesen. „Ich muss los und teile Ihnen meine Anschrift mit –!“ hatte sie ihm noch kurz nach dem Einsteigen in den Zug durch das offene Fenster hinterhergerufen. Dann hatte sie sich einen Wagen gesucht, sich aufatmend in die weichen Polster zurückfallen lassen und laut ins Abteil gestöhnt: „Uff –! Das lief ja bestens!“

Svetlana ist nun erleichtert, sitzt allein und bequem in ihrem Erste-Klasse-Abteil. Ihre Handtasche, in der sich die dreihundertsechzig Fünfhunderteuroscheine in einem Umschlag befinden, hat sie zwischen sich und die Fensterwand gelegt. Da sie zuvor ja ausgiebig gegessen hatte, braucht sie nicht in den Speisewagen gehen und das Abteil kaum verlassen. Überdies ahnt niemand, dass sie ein kleines Vermögen in der Tasche mit sich führt. Aber dennoch hat sie ein mulmiges Gefühl mit soviel Bargeld, das sie in ihrem Leben noch nie gesehen, geschweige denn in Händen hatte.

Die durch ein schlechtes Gewissen verursachten Gedanken und Gefühle können aber wie Geierkrallen zupacken und einen nicht mehr loslassen. Je mehr Kilometer sich der Zug von Düsseldorf entfernt, umso bohrender wird die Erinnerung an etwas, das ihr anfänglich noch gar nicht so sehr zum Bewusstsein gekommen war.

Patric Winter hatte im Gespräch erwähnt, Rüdiger Wohlrab habe nach Garmisch auf Urlaub fahren wollen, sei aber wegen Verena Warnkes erwarteter Ankunft noch in Düsseldorf geblieben. Soweit nichts Schlimmes! Aber dann hatte er gesagt, Wohlrab habe das Hotel Alpenhof ersucht, das von ihm bestellte Zimmer auf jeden Fall weiterhin zu reservieren. Also wird Rüdiger Wohlrab, der richtige Wohlrab, in Kürze in Garmisch eintreffen, und dann –

Er darf Fritz Köpke, dem falschen Wohlrab nicht begegnen! …

Eigentlich ist es gemein von Fritz, seinen alten Schulfreund Winter derart zu betrügen. Und sie hat ihm dabei auch noch geholfen! Ihre Liebe zu Fritz war anfänglich ebenso grenzenlos wie ihr Vertrauen. Beides hatte er bitter enttäuscht, und doch hatte sie bisher nicht die Entschlusskraft – und hat sie auch heute noch nicht – sich von ihm endgültig loszureißen.

Um ihm damals, als sie ihn kennen lernte, zu folgen, hatte sie ihre gute und gesicherte Stellung aufgegeben und war seine Sekretärin – und mehr – geworden. Sein ganzes Auftreten, seine Art sich zu geben, war derart beeindruckend, dass sie ihn für einen vermögenden Mann halten musste, der es sich leisten konnte, überall in der Welt herumzureisen und von unterwegs seine Geschäfte zu erledigen. Ständig klingelte sein Handy oder er rief irgend eine scheinbar wichtige Person an und Zahlen schwirrten durch die Luft, dass einem ganz schwindelig werden konnte. Bald wurde ihr aber auch klar, dass er einerseits sehr dunkle und unsaubere Geschäfte betrieb, die andererseits meistens nicht klappten. Sie kannte allerdings keine Einzelheiten. Aber als ihr alles richtig klar wurde, da war es schon zu spät. Ihre ganze Zukunft hatte sie nach ihm ausgerichtet. Und jetzt war sie allein und ihm nahezu hörig. Er hatte ihr jegliche Macht über sich selbst genommen, jedwedes Selbstwertgefühl und jede Selbstachtung zerstört. Sie fühlt heute nur noch eine fürchterliche Abhängigkeit, von der sie sich gerne freigemacht hätte, aber die Kraft fehlt ihr. Sicher, sie weiß tief in ihrem Inneren, dass sie für sich selbst und ganz allein verantwortlich ist und gibt ihm daher auch keine Schuld. Sie hat es eben leider zugelassen. Es ist also alleine ihre Schuld, und diese Schuld lastet auf ihr zentnerschwer.

Vor der Reise nach Düsseldorf hatte er noch versichert, dieser Coup sei der letzte, er hätte dann genug Geld zusammen und wolle anschließend mit ihr gemeinsam ein anderes Leben anfangen. Sie tat nach seinem Willen.

Aber wie plötzlich ein Vorhang aufgeht und alles hell erleuchtet, ist ihr plötzlich bewusst, dass auch diese Aussage wieder nichts als eine Lüge ist. Alles hat er in den Schmutz gezogen; wirklich alles. Und auch seine angebliche Liebe zu ihr war nichts als Lüge, reine Berechnung. Ein williges Werkzeug war sie für ihn, sonst nichts!

Sie rückt näher an das Fenster heran, um hinauszusehen und die vorbeifliegende Landschaft zu beobachten. Dabei berührt sie mit der Hüfte ihre Handtasche, öffnet sie und stellt fest, dass das Päckchen mit dem Geld noch da ist. Da fällt ihr Blick auf den gefälschten Pass. Man darf ihn nicht bei ihr finden. Sie nimmt ihn heraus, zerreißt Blatt für Blatt in kleine Schnitzel, geht auf die Toilette und wirft sie nach und nach durch den Toilettenabfluss des Alpenexpress‘ und sieht sie auf dem unter ihr dahinrasenden Schotter und Gleisen verschwinden. Niemand wird die Papierschnitzel je wieder zu einem Ganzen zusammenfügen können. Verena Warnkes ursprünglicher Pass ist nicht mehr …

Im Hotel Wetterstein fragt sie bei ihrer Ankunft nach Rüdiger Wohlrab und erfährt, dass Fritz mit Fräulein Warnke zum Eibsee gefahren ist. Die Herrschaften seien erst am Nachmittag wieder zurück. Sie geht auf ihr Zimmer, badet, frisiert sich und setzt sich im Morgenrock in den Sessel, um zu überlegen, wie es nun weitergehen kann.

Je länger sie darüber nachdenkt, umso lieber ist es ihr, dass sie Fritz nicht vorfand. Nein, tausendmal nein! Es ist, als sei in ihrem Innern ein Strom ausgeschaltet. Ihre Liebe zu Fritz Köpke ist definitiv und unerwartet tot und durch nichts wieder zum Leben zu erwecken. Und irgendwie fühlt sie sich befreit, obgleich das Schlimmste ja noch bevorsteht. Wenn er kommt, wird sie es ihm sagen. Sie fasst innerlich allen Mut zusammen. Trotzdem beschleicht sie eine noch nie gekannte Furcht.

Ihr Gewissen meldet sich nicht nur zu Wort, es schreit geradezu auf und ihre Gedanken gehen fieberhaft. Wenn sie doch das, was sie getan hat, rückgängig machen könnte! Aber dann steht sie als Betrügerin da, und sie traut es Fritz zu, dass er leugnet, jemals mit der Sache etwas zu tun gehabt zu haben. Das geht also nicht.

Sie muß fort! Schnellstens fort! Aber sie hat kein Geld. Und auch Fritz muss fort. Wahrscheinlich hat er jedoch auch nicht viel. Da hat sie plötzlich eine Eingebung. Sie könnte wenigstens teilweise den Schaden wiedergutmachen, den sie angerichtet hat.

Sie ruft bei der Rezeption an und lässt sich etwas Schnur und Siegellack heraufschicken. Dann entnimmt sie dem Päckchen dreißig Scheine und verschließt und versiegelt es. Als das getan ist, kleidet sie sich an und fährt zur Halle hinunter.

Beim Empfang sagt sie: „Fräulein Warnke bat mich, dieses Päckchen für sie in den Hotelsafe zu geben. Würden Sie es bitte für sie verwahren?“

„Selbstverständlich! Sofort –!“ Der Empfangschef schreibt eine Empfangsquittung aus und gibt sie ihr: „Bitte sehr –!“

Sie fährt wieder hinauf, geht in ihr Zimmer, zerreist die Quittung und spült die Fetzen in der Toilette herunter. Dann atmet sie wie befreit auf. Eine plötzliche, nie zuvor gekannte Energie und innere Stärke hat sie erfasst. Nun mag Fritz Köpke kommen!

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