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Demokratie und Freiheit in Zentraleuropa

Der Römer Tacitus hatte einst geschrieben: „Wer sollte wohl Asien, Afrika oder Italien verlassen haben, um diesen rauen Himmel aufzusuchen, dies reizlose Land, traurig für den Bebauer wie für den Beschauer, - es sei denn sein Vaterland. Nicht ganz ohne Abwechslung ist es zwar, aber im allgemeinen doch abstossend durch wilde Wälder und wüste Sümpfe“.

Er meinte damit Germanien, und so mancher römische Offizier oder Legionär beklagte sein Schicksal, was ihn hierher verschlug. Kein sanfter Wind wehte und weht dort unter blauem Himmel und statt der Palmen und Orangen -, Mandel- oder Olivenbäumen ragten düstere Tannen in den nur zu oft grau in grau verhangenen Himmel. Und schon immer galt hier der Satz, dass ein jeder gleichsam mit dem Pflug zugleich auch das Schwert mit auf den Acker zu nehmen hatte. Denn der Lebenskampf war damals wie heute hart. Einigkeit war schon immer ein Fremdwort für die damaligen wie heutigen Einwohner Deutschlands. Immerhin hatte es Germanien einst verstanden, die Gefahr des Aufgehens in Romanitas durch starke Fürsten wie u.a. Hermann, der Cherusker, zu verhindern. Ich konnte die Empfindungen nach meiner Rückkehr von Mallorca – meinem Italien - nach Deutschland bzw. nach der Schweiz nachempfinden. Inzwischen hat die Europäische Union und das, was wir Fortschritt nennen, Deutschland oder besser gesagt, Mitteleuropa, zusätzlich geprägt. Nur einiges aus der römischern Zeit ihrer Politik, vor allem den folgenden Senatsbeschluss, hätten wir –bis in die heutige Zeit – mit in das neue Europa hinüber retten sollen:

„videant consules ne quid res publica detrimenti capeat.“ „Mögen die Konsuln Sorge tragen, dass der Staat keinen Schaden erleidet.“

Mit diesem Beschluss übertrug die altrömische Volksvertretung den Konsuln oder einem von ihnen die Vollmacht, während einer befristeten Zeit alle Gesetze zu erlassen und Massnahmen zu treffen, die zur Rettung des in Gefahr geratenen Staates erforderlich waren. Nach Ablauf der Diktatorenzeit hatten die so Bevollmächtigten Rechenschaft abzulegen, und ein Misserfolg ihrer Staatsführung kostete den Kopf. (auch unsere Regierungsverantwortlichen müsste im Falle ihres Misserfolges ein ähnliches Schicksal ereilen, anstatt sie noch im Anschluss an ihr Versagen mir einer lebenslangen, - mehr als grosszügigen, - Pension zu belohnen)

Die Diktatur war also nicht Gegensatz der demokratischen Ordnung, sondern im Gegenteil ihrer ein integrierender Bestandteil, und mehrfach wurde die Demokratie dadurch gerettet. Wir hatten in neuerer Zeit ein klassisches Beispiel einer solchen Diktatur: Die Beauftragung des französischen Generals de Gaulle durch die Nationalversammlung, die Republik dadurch zu retten, dass er ihr eine neue Verfassung gab, durch welche Gesetzgebung und Exekutive klar voneinander getrennt und Republik und Demokratie wieder lebensfähig gemacht wurden, deren Verfall und Zerfall Frankreich an den Rand des Abgrundes gebracht hatten. Was man bei uns im allgemeinen unter Diktatur versteht, ist de facto ganz etwas anderes, nämlich Autokratie, also Selbstherrschaft. Hierbei ist es belanglos, ob es sich um eine absolute Monarchie handelt, für welche das Volk nur eine Summe von gehorsamspflichtigen Untertanen ist, oder um die Herrschaft eines aus einer Masse hervorgegangenen Demagogen, der nach Erkämpfung oder Erschleichung der Macht jedes Mitbestimmungs- oder Zustimmungsrecht des Volkes ausschalten konnte, wie es zum Beispiel im sog. Dritten Reich geschah.

Die Völker wurden von jeher von einer Minderheit regiert, und für die Beurteilung war und ist immer nur die Beschaffenheit dieser Minderheit massgebend. Für das Wesen der Demokratie ist es – im Gegensatz zur autokratischen Herrschaft – bezeichnend, dass diese regierende Minderheit vom Vertrauen der Mehrheit getragen sein und im Falle ihres Versagens einer anderen Platz machen muss. Das bedeutet groteskerweise: jede echte Demokratie lebt vom Vorhandensein bzw. rechtzeitigen Entstehen einer Führungsaristokratie, wobei der Begriff „Aristokratie“ nicht mit dem des Titeladels gleichzusetzen ist. Eine solche Führungsoberschicht muss sich ständig von unten her aus dem Volke ergänzen, wenn sie nicht geistiger Inzucht verfallen will. Alle Pseudodemokraten, vor allem die kommunistisch geprägten Sozialisten, werden gegen diese Feststellung Protest einlegen. Aber jeder Oberschüler, der den Geschichtsunterricht mit halbwegs selbständigen Denken gefolgt ist, kann die zahllosen Beispiele und Beweise dafür in der Weltgeschichte finden.

Darüber hinaus liegen diese auch aus der Gegenwart klar zu Tage. Zweifellos sind neben der Schweiz die Vereinigten Staaten von Amerika die echteste Demokratie von heute. Bei näherem Hinschauen findet man mit Leichtigkeit, dass in den USA keine der konkurrierenden Parteien anders als nach dem Willen der Nachfahren oder geistigen Erben jener „Pilgerväter“ regieren kann, denen das Staatswesen seine Entstehung verdankt. Nicht viel anders war es bisher in England. Es wurde dadurch gross, dass eine politisch geschulte und traditionsgebundene Führungsschicht den nicht mehr herrschberechtigten Absolutismus der britischen Königshäuser in zähem Kampfe entmachtete und die Führung übernahm, gleichviel, in Gestalt welcher Partei sie auftrat.

Das britische Weltreich näherte sich dem Zerfall im gleichen Zeitmass, in dem nicht nur die britische Insel ihre bisherige Unangreifbarkeit verlor, sondern auch die nicht mehr restlos national gebundene, sondern international verflochtene „Arbeiterpartei“ an Einfluss auf die Staatsführung gewann und den Abbau von Freiheiten auslöste, die bisher jedem Briten als absolutes Tabu galten. Die unmittelbare Folge davon ist, dass Grossbritannien heute nicht mehr an der Kanalküste verteidigt werden kann, sondern mit seinem Schicksal sowohl strategisch wie zuletzt auch geistig mit dem Mitteleuropas verknüpft ist. Die Zahl der Engländer, die das allmählich begreifen und die Entschlossenheit aufbringen, das insulare Denken auf den Kehrichthaufen der Zeit zu werfen, ist zwar noch nicht gross, aber immerhin am anwachsen.

Die Sicherung der Bundesrepublik Deutschland gegen die Bedrohung durch die kommunistisch-sozialistische „Diktatur des Proletariats“, die de facto eine Diktatur des Staatskapitalismus ist, wurde bereits zu einer Lebensfrage für die gesamte freie Welt. Dasselbe galt für die Befreiung Mittel- und Ostdeutschlands aus den Fängen des kommunistischen Imperialismus und Supermilitarismus. Uns Mitteleuropäern wurde dadurch kein Gramm des Gewichtes an Verantwortung genommen, das auf uns liegt. In dem einst gespaltenen Vaterlande und inmitten einer feindlichen Umwelt lebend, mussten wir unsere Staatsform, die bislang nur einen aufgezwungenen Rahmen darstellte, unter Aufbietung aller Kräfte mit Leben erfüllen. Wir konnten es nur deshalb, weil wir den keineswegs immer leichten und bequemen Mut aufbrachten, den gesunden Menschenverstand wieder in seine elementaren Rechte einzusetzen. Wieviel Weltanschauung und Wahn haben die meisten von uns dazu über Bord werfen müssen? Wieviel Erbarmungslosigkeit des Denkens mussten wir uns dabei zumuten? Wieviel Liebgewonnenes mussten wir dabei einsargen? Denn wir sind Deutsche und leiden am Faustkomplex. Wir Deutschen waren schon immer bereit, eher um dieser oder jener Idee willen zu kämpfen und zu sterben aber kaum jemals um Realitäten. Lenin sagte einmal etwas recht Vernünftiges: „Die Liquidation des Schamanentums ist eine Frage der Sauberkeit wie das Fingerwaschen und das Nägelputzen“.

Retten wir also unseren demokratischen Staat davor, dass ihm das Schamanentum einschliesslich der Bonzokratie zugrunde richtet: Videant consules ne quid res publica detrimenti capeat. Die Konsuln mögen also dafür sorgen, dass der Staat keinen Schaden nimmt!

Noch eines erscheint mir äusserst wichtig festzustellen: Demokratie und Freiheit sind nicht unbedingt identisch, sofern man unter der Demokratie in erster Linie eine Staatsform versteht. Wohl aber ist in einer echten Demokratie (wie beispielsweise der US-amerikanischen oder schweizerischen) Freiheit eher möglich als in einer Autokratie! Niemals ist die Form entscheidend, sondern immer der innere Gehalt. Deshalb ist es auch von vornherein ein fruchtloses Bemühen, eine verfallende oder verfallene Demokratie mit Sondergesetzen oder polizeilichen Massnahmen zu retten. Das vor Hitlers Machtergreifung hinreichend bekannte „Gesetz zum Schutze der Republik“ erwies sich in den entscheidenden Tagen als ein wertloser Fetzen Papier, zumal niemand bereit war, für den Fortbestand der Weimarer Republik sein Leben einzusetzen, während die „radikalen“ Gegner rechts wie links nicht nur dazu bereit waren, sondern das mit Opfern ihres Kampfes bewiesen. Das und nichts anderes machte es Hitler unter anderem leicht, der damaligen Republik zu dem Zeitpunkt, der ihm geeignet erschien, den Todesstoss zu versetzen. Dass er dem Volke und vor allem seiner Gefolgschaft Freiheit versprach und dann im späteren Verlauf seiner Regierung die individuelle Freiheit abwürgte und unermessliches Elend und Leid unter den Menschen anrichtete, steht auf einem anderen Blatt.

Denn auch das muss gesagt werden: Mitten durch die gesamte abendländische Welt geht ein innerer, seelischer Spalt, den wiederum wir Mitteleuropäer besonders empfindlich spüren. Ohne Gnade ist das Abendland vor die Kernfrage gestellt, wem es den Vorrang geben will: Der Erlösung oder der Freiheit. Hierbei ist es schicksalhaft, dass man beides zusammen nicht paritätisch haben kann und somit vor die Wahl gestellt ist, um die sich die meisten Menschen herumzumogeln suchen. Es ist nicht zuviel behauptet, wenn man sagt, dass seit der Liquidierung des Mittelalters durch die Grosse Revolution Frankreichs das Bedürfnis nach Freiheit an die Stelle dessen nach Erlösung in den Vordergrund gerückt ist. In den Herzen der meisten Europäer ist dieser Kampf noch nicht ausgekämpft. Er hat vielmehr mit dem deutschen Zusammenbruch und mit der Europäischen Union so erst recht begonnen. Besser gesagt: Das Bedürfnis nach Erlösung, das ja kein natürliches ist, sondern den Menschen erst suggeriert werden muss, ist zugleich Ziel der Christianisierung des Abendlandes und wird über kurz oder lang, vielleicht schon in wenigen Jahrhunderten, als das Charakteristikum einer seltsamen Episode in der Völkergeschichte betrachtet werden. Was aber bedeutet da schon ein Jahrhundert für uns, die wir es gelernt oder zu lernen haben, in grossen Zeiträumen, zumindest in Jahrtausenden, zu denken!

Anders ist es mit dem Bedürfnis nach Freiheit bestellt. Es ist jedem einzelnen Menschen angeboren und ein naturgegebener Trieb, ja, sogar einer der stärksten Triebe. Allerdings auch nicht mehr als das!

Die Geschichte jener kurzen Epoche, die wir als die Neuzeit bezeichnen, lässt uns immer wieder und überall die Tragikomik erkennen, die darin besteht, dass mit zunehmender Aufklärung der mehr und mehr zivilisierten Menschen seltsamerweise eine zunehmende Leichtigkeit des Missbrauchs gerade des Bedürfnisses nach Freiheit durch Volksvertreter oder Volksführer verbunden war und ist. Nicht ohne Grund hat Schiller einmal aus der ganzen Tiefe seiner Welterkenntnis gesagt: „Freiheit ist nur in dem Reich der Träume“. Aber ohne solche Träume und den unentwegten Kampf um ihre Verwirklichung würde die Welt zu einem fauligen Stillwasser, dass nur noch dem ekelhaftesten Geschmeiss menschlicher Aasfliegen des Leben ermöglichte.

Ich sagte bereits, dass wir, was die Freiheit betrifft, erst am Anfang einer Entwicklung stehen, die sich nicht von heute auf morgen vollzieht, sondern wie jede geistige Entwicklung ihre Zeit braucht. Bislang haben die Menschen zu ihrer Orientierung nur die USA als Beispiel, zumal das britische mehr und mehr an Wirkung verliert. Besonders für die Deutschen gilt die bittere Erkenntnis des deutschen Kulturgeschichtlers Johannes Scherr, der zugleich einer der bedeutendsten und echtesten Demokraten war und sein Leben im Exil auf dem Zürichberg beschloss und der seit 1871 im Vorwort zu seinem Buche „Dämonen“ unter anderem schrieb: „Die Menschen in ihrer Mehrheit – in einer so ungeheuren Mehrheit, dass die verschwindend kleine Minderheit kaum noch sichtbar – wissen gar nicht, was Freiheit ist; sie wollen nur ihr möglichst behagliches Auskommen haben. – Die Völker wollen nicht frei sein, sondern reich, mächtig, angesehen, herrschend!

Diese unbestreitbare Tatsache hat es den Alleinherrschern stets ermöglicht, verfallene oder vor dem Verfall stehende Demokratieen wie ausgedroschenes Stroh fortzufegen. Aber eben an dem Werden der Diktaturen kann man erkennen, wo die wesentlichen Gefahren für die Demokratie zu suchen sind, von denen alle jene, die nicht für sie, sondern von ihr leben, durch Alarmschüsse aus falscher Richtung abzulenken suchen. Keine noch so schöne Verfassung kann einem Volk die Freiheit bringen. Das kann nur die vollständige Durchdringung aller Menschen dieses Volkes mit dem unbändigen Willen zur Freiheit, dessen entscheidendes Charakteristikum die Bereitschaft ist, dafür mit allen Mitteln zu kämpfen und dafür notfalls auch zu sterben.

Der US-amerikanische Präsident Eisenhower hat einmal von der Unteilbarkeit der Freiheit gesprochen. Wenn wir in der Bundesrepublik Deutschland zu einer in sich gefestigten Demokratie kommen wollen, werden diejenigen, die heute die wesentlichen Schlüsselstellungen besetzt halten, es aufgeben müssen, die Staatsbürger in gewisse Berechtigungsklassen einzuteilen, wie es de facto geschieht. Von der im „Grundgesetz“ garantierten Freiheit in Wort und Schrift ist einstweilen nicht viel zu spüren, obwohl gerade sie das Fundament einer Demokratie ist. Man sagt „Demokratie“ und meint die Diktatur der eigenen Partei! Durch solcherlei Verlogenheit schafft man keine Demokraten. Die grosse Masse des Volkes steht unter einem Meinungsterror gewisser Gruppen, der dem totalitärer Systeme nichts nachgibt. Von wirklicher Freiheit kann erst dann gesprochen werden, wenn Voltaires grosses Wort Gemeingut aller geworden ist: „Ich verabscheue, was er schreibt; aber ich gäbe mein Leben dafür, dass er es schreiben darf!“

Im Geiste solcher Freiheit trat dereinst das französische Volk zur Liquidation des Mittelalters an, und man kann die anfänglichen schöpferischen Leistungen der grossen Revolution nur bewundern. Und das Ende? Die besten und schöpferischsten Männer der jungen Nation endeten unter dem Fallbeil auf jenem Platz, der wie zum Hohn heute noch „Place de la Concorde – Platz der Eintracht“ heisst, und der „Blutmessias“, wie Camille Desmoulins den Gleichheitspapst Robbespierre nannte, konnte auf dem Grabe der Freiheit das Gerüst seiner diktatorischen Macht errichten.

Wer es ehrlich meint, kommt bei dem Begriff Freiheit nicht um die vielen so peinliche Nietzsche-Frage herum: „Freiheit wovon? Freiheit wozu? Man kann weder die Freiheit noch die Demokratie für sich allein pachten wollen. Beide sind wirklich unteilbar. Wir dagegen wieder und wieder verstossen, so ist der innere Zerfall unausbleiblich und gerät ein demokratischer Staat erst unmerklich, dann aber schneller und schneller ins Rutschen, bis schliesslich die Stunde der Diktatur im Sinne der Autokratie gekommen ist. Es geht nicht darum, das im Auftrage der Westmächte errichtete Gerüst davor zu schützen, dass irgend ein kleiner Köter das Beinchen hebt, sondern einzig darum, zunächst einmal die Voraussetzung für das Bestehen einer demokratischen Staatsform zu schaffen. Weder die Rückkehr der Emigranten noch die Angst einiger Leute vor einer möglichen Diktatur kann da als genügende Voraussetzung angesehen werden, zumal es ausser den mit russischen Rubeln am Leben erhaltenen Kommunisten bei uns niemand gab, der irgendwelche Diktaturgelüste hätte.

Warum gibt es eine solche Furcht weder in den britischen Ländern noch in den USA? Nun, - dort ruht die Demokratie eben auf der garantierten Grundlage echter Freiheit. Dort braucht man über Demokratie nicht erst zu diskutieren, weil sie in sich gefestigt und das Nationalgefühl eine stolze Selbstverständlichkeit ist, über die man nicht zu sprechen braucht. Bei uns nennt man so etwas Nationalismus, und der ist bekanntlich verwerflich. (Wird aber langsam abgebaut. Die Fußballweltmeisterschaft 2006 hat hier einiges ins Rollen gebracht.) Aber – Hand aufs Herz! – wie soll man denn eine echte Demokratie schaffen, wenn man ihren Pfeiler, eben die Nation, unentwegt anknabbert!

Was war denn der Grund, weshalb mit der „Heiligen Allianz“ der Dynastien die Demagogenverfolgung, also die Niederknüppelung der schwarz-rot-goldenen Bewegung, Hand in Hand ging? Doch nur das eine: eine freiheitlich gesinnte deutsche Jugend wählte ihre Farben als Symbol ihres Willens, aus dem in viele Einzelstaaten zerfallenen deutschen Volk eine Nation zu machen, auf deren Fundament die bürgerlichen Freiheiten sicher aufzubauen waren. Warum mussten Männer wie Richard Wagner oder Johannes Scherr oder die vielen anderen edlen Geister aus ihrem Ländle flüchten, um nicht wie Fritz Reuter und so viele andere eingesperrt zu werden?! Warum floh ein Hoffman von Fallersleben nach Helgoland, und warum dichtete dieser echte Demokrat, der Leib und Leben eingesetzt hatte, dort auf der einsamen Nordseeinsel aus sehnsüchtigem Herzen „Deutschland! Deutschland über alles, über alles in der Welt!“ Warum verlangte er, es solle fest zum Schutz und Trutz brüderlich zusammenhalten? Weil er wie alle seinesgleichen genau wusste, dass ohne eine durch ausreichende Macht gesicherte äussere Freiheit die der Einzelmenschen nicht gedeihen kann!

Soll das alles nicht mehr gelten? Sollen wir mit einer blutleeren Formaldemokratie einer dann unausbleiblichen Diktatur entgegentreiben nur deshalb, damit eine Bonzokratie ihre Positionen behalten kann, die keine innere Autorität geniesst?

Soll der Demokratie bei uns das Beste genommen werden, das es für sie geben kann: dass sie nicht als ein zeitbedingtes Übel, sondern als ein Vaterland empfunden wird? Wie anders aber will man der wehrfähigen Jugend Sinn und Zweck ihres Wehrdienstes begreiflich machen? Soll das Lied des Demokraten Hoffman von Fallersleben nicht mehr ganz gesungen werden dürfen, weil ein paar Ignoranten und Dummköpfe oder Übelwollende im Ausland die Worte „Deutschland über alles“ – die doch nicht mehr und nicht weniger besagen, als dass man sein Vaterland über alles andere stellen und mehr als sich selbst lieben soll! – weil solche Kerle und einige geistige Fremdenlegionäre bei uns dank falscher Übersetzung die Unterstellung machten, damit sei ein Anspruch auf Weltherrschaft gemeint. Warum regt sich niemand in diesem falsch verstandenen Sinne über die britische Haltung zu ihrem Vaterland auf, wenn es heisst: „Richtig oder Falsch, (Hauptsache) unser Vaterland! ; oder wenn die Franzosen stolz ihr “vive la France”, oder die Spanier „todo por la patria“, „alles für unser Vaterland“ ertönen lassen?

Glauben gewisse Überängstliche im Ernst, aus dem Herzensbekenntnis zum deutschen Vaterland heraus könnte sich heute nochmals so etwas wie ein neonazistischer Geheimbund bilden? Auch wenn die jüngsten Landtagswahlen in der ehemaligen DDR eine Zunahme der rechtsradikalen Gesinnungsbrüder hervorgebracht hat, so ist diese Ursache doch nicht in einer missverstandenen Vaterlandsliebe zu suchen, sondern das Ergebnis einer völlig verfehlten Politik der gerade regierenden Partei. Derlei Kinderschreck sollte man also tunlichst unterlassen, zumal die Deutschen viel zu schwatzhaft sind, um solches zustande zu bringen! Nicht einmal die Kommunisten hätte man ernst zu nehmen gehabt, wenn sie nur eine Partei gewesen wäre und nicht vielmehr eine straff gegliederte und geführte Propagandatruppe der Sowjets. Das freilich waren sie, und deshalb ist jeder Kommunist nicht der verzeihungswürdige Vertreter einer utopischen Weltanschauung, sondern ein Feind des deutschen Volkes, seiner Freiheit und der Demokratie.

Die gesamte Kulturwelt steht vor der Aufgabe, mit den Folgen fertig zu werden, die sich auf materiellem, sozialem und nicht zuletzt geistigem Gebiet aus einer Reihe jüngster Entdeckungen im technischen Fortschrittskarussell ergeben. Diese tiefgreifende Revolutionierung des menschlichen Daseins birgt Gefahren in sich, mit denen nur freie und verantwortungsvolle Menschen fertig zu werden vermögen, ohne zu Sklaven der Materie und des Fortschritts zu werden, zugleich aber auch unermessliche Zukunftsmöglichkeiten für ein wirklich freies und doch geordnetes Zusammenleben der Menschen. Damit gewinnen die geistigen Werte einen beispiellosen Rang und eine noch grössere Wirkung als je zuvor.

Der blosse Gedanke, diese Zukunftsmöglichkeiten könnten zum Monopol einer oder mehrerer Autokratien oder gar einer „Weltregierung“ in Gestalt einer getarnten Diktatur einiger weniger Menschen werden, ist so grauenvoll, dass es jedem, der noch zu denken vermag, dabei kalt über den Rücken laufen müsste. Sicherlich scheinen die USA derzeit einen solchen Führungsanspruch unter der Regierung G.W. Bush anzustreben, aber die Kräfte in der Weltpolitik sind so verteilt, dass eine Diktatur im definierten negativen Sinne derzeit zumindest nicht zu befürchten ist.

Die Europäer sollten dennoch sich weniger ihre nationalen Eigenarten vorwerfen und sich ihrer Unterschiede bewusst sein als vielmehr der unendlich viel grösseren Gemeinsamkeiten, deren volles Erfassen eine unüberschätzbare Kraftquelle wäre, eine Kraftquelle, deren wir wahrscheinlich dringend bedürfen angesichts einer Gefahr, die viel tausendmal ärger und grösser ist als die eventuelle Verseuchung der Erde durch die Umweltverschmutzung und radioaktive Strahlen. Es ist schlechterdings Narrheit, vor Atombomben zu zittern und der atomaren Sprengkraft des Kommunismus (wobei nichts gegen die durchaus ethisch vertretbare Grundidee zu sagen ist, da Frieden in der Welt nur möglich ist, wenn die Güterverteilung so ist, dass sie zumindest die Grundbedürfnisse eines Menschen oder einer Familie abdeckt) gegenüber zu meinen, es werde nur halb so schlimm sein. So meinte Johannes Scherr zum Thema Kommunismus:

„Der Kommunismus, wofür ja der Sozialismus nur ein verschämter Name ist, muss vermöge der ihm innewohnenden Logik allüberall und allzeit zur Vernichtung der individuellen Freiheit und Selbstbestimmung wie zur Vernichtung der Ehe und folglich zur Zerstörung der Familie vorschreiten. Er kann sich dieser Konsequenz gar nicht entziehen. Darum ist er gerade so wesentlich antisozial, feindlich, mittelmässigkeitssüchtig und tyrannisch, wie das Christentum in der Jugendfrische seines Fanatismus gewesen und, wo immer es ernstlich dogmatisch genommen wird, bis zur Stunde geblieben ist. Vernichtet die Persönlichkeit, entwurzelt den Trieb und Drang des menschlichen Ich, sich auf sich selbst zu stellen, sich Bahn zu brechen mittels eigener Kraft in dem ruhelosen Kampf ums Dasein, sich so oder so hervorzutun vor seinen Mitkämpfern und sein Glück selber zu schmieden, - drückt die Individualitäten platt unter eurer bleiern-dummen Gleichheitswalze, - zerreisst durch Aufhebung der Ehe und Vernichtung der Familie die innigsten Bande, welche die Menschen aneinander knüpfen und dem Unsinn des Lebens wenigstens einen Schein von Sinn zu verleihen, - verwandelt die Gesellschaft in die Zwangsarbeiterkaserne, wie sie euer Feist Löb – die humanitären Phrasen und jesuitischen Mentalreservationen abgerechnet - euch vorgeschwindelt hat und `Gebt nur erst Acht, die Bestialität wird sich gar herrlich offenbaren!` Sie wird sich offenbaren. Denn wo und wann hätte es jemals einen höheren oder tieferen, einen höchsten oder tiefsten Blödsinn gegeben, welcher nicht seinen Verlauf haben wollte und nicht wirklich hatte! Dem Aberwitz wohnt eine dämonische Macht und Gewalt inne, gegen welche mit Vernunftgründen gerade so wenig an- und aufzukommen ist wie mit papierenen „Menschenrechten“ gegen wohlbediente Kanonen und rücksichtslos gehandhabte Bajonette.“

Und auch das hat der vergessene grosse Demokrat unmissverständlich gesagt:

„Bei allen diesen Gesellen, den zurechnungsfähigen wie den unzurechnungsfähigen, zeigte es sich recht deutlich, was aus dem Menschen wird, wenn er sich von den starken Wurzeln seiner Kraft, von dem Trieb und Gedanken des Vaterlandes, losreisst: ein halt- und saftloser Stamm, dessen dürre Äste und blätterlose Zweige misstönig im Phrasenwinde klappern, und der, statt Früchte zu tragen, nur die Misteln der Phantasterei, der Selbstüberschätzung und der Sekteneitelkeit ansetzt. Die Zurechnungsfähigen unter der Schar erscheinen bei näherem Zusehen meist als unsaubere Burschen. Auf die Unzurechnungsfähigen wirken, wie Glitzerblech auf schnatternde Elstern wirkt, die verrückten Bombastreden von der allgemeinen Menschenbruderschaft, von den vereinigten Staaten von Krähwinkel, Kuhschnappel und Flachsenfingen, vom ewigen Frieden und dergleichen Chimären mehr. Wenn die Herren Chimärenspinner und Bombastweber sich einmal auch nur die Mühe geben wollten, sich selber und in ihnen den Menschen, wie er ist, kennen zu lernen, - sie würden sich schämen, solches Narrenzeug fernerweit herzusalbadern.“

Lebte Johannes Scherr heute noch und stünde dieser demokratische Vulkan von Vaterlandsliebe nicht turmhoch über den Zeiten, - ich bin felsenfest davon überzeugt, dass er genau so wie einst auf dem Zürichberg ins Exil gehen müsste, um nicht dem Angriff eines ehrgeizigen und allzu sehr dienstbeflissenen Staatsanwalts der Bundesrepublik zum Opfer zu fallen, und wie einst, würde er wohl wiederum sagen, dass er „von Mutter Germania nichts verlange, nicht einmal ein Grab“.

Nur hoffnungslos Zustandsgläubige und geistige Lobbyisten bundesrepublikanischer Wirtschaftswunderkinder können sich suggerieren und anderen den Glauben zumuten, die ausdrücklich als Provisorium gegründete Bundesrepublik Deutschland hätte Anspruch auf Ewigkeitsbestand. Aber auch nur Narren oder Gauner können leugnen, dass die Männer, die nach dem Zusammenbruch des Hitlerreiches den deutschen Karren aus dem Dreck gezogen und wenigstens einigermassen fahrbar gemacht haben, ihr Vaterland nicht weniger liebten als einst die Väter der Schwarz-Rot-Gold-Bewegung.

Entscheidend aber ist und bleibt die Frage, ob aus der Wirrnis der Zeit schöpferische Kräfte erstehen, die eine dem deutschen Volk angemessene freiheitliche Regierungsform schaffen. Das geht nicht nur die Deutschen, sondern alle Europäer an. Denn ebenso, wie für die grossen weltgeschichtlichen Entscheidungen der Mittelmeerraum, so war und ist für die innereuropäischen der deutsche von entscheidender Bedeutung. Die hier vorhandenen Gefahren liegen nicht nur auf aussenpolitischem Gebiet. Vorerst ist von echter Demokratie in Deutschland nicht allzu viel zu spüren. Zwei grosse Parteien, deren eine an der Macht und deren andere in der Opposition ist, stehen einander gegenüber, und beide sind ausländischen Mächten mehr oder weniger verpflichtet. Die eine blickt auf den Heiligen Stuhl und erfreut sich der Mitläuferschaft der „evangelischen“ Fremdenlegionäre, deren Schamanen mit im Spiel bleiben möchten. Die andere ist von Jahr zu Jahr immer stärker nach links gerutscht und erwies sich zumindest noch bis Ende des kalten Krieges und der Wiedervereinigung als Fremdenlegion Moskaus, wobei man vielen ihrer Führer und Gefolgen zubillige, dass sie sich dessen vielleicht nicht einmal bewusst waren. Sie schrieen in höchster Lautstärke über einen angeblichen, in Wahrheit aber unbedeutenden Neonazismus und Antisemitismus und merkten dabei nicht, dass und in welch gefährlichem Ausmass sie in ihren Organisationen kommunistisch unterwandert wurden. Beide grossen Gruppen aber üben einen Meinungsterror aus, der keineswegs geringer und wirkungsloser ist als in früheren Regierungen.

Dabei hätten es die Deutschen bitter nötig, endlich ihr Herz höher als die Meinung zu bewerten und es aufzugeben, sich um fremder Interessen willen wechselseitig zu zerfleischen. Über alle weltanschaulichen Gegensätze hinweg hätten sie um der Existenz des neuen und nunmehr erweiterten Europas und seiner Kultur willen die Pflicht und Schuldigkeit, die Freiheit über alles zu stellen; und wer dazu nicht bereit ist, täte gut daran, sich nicht so sehr aufzuplustern und lieber den Mund zu halten. Aus dem Spiegel der Geschichte schaut uns unser eigenes Bild an. Nie waren die Diktatoren an sich böse, sondern zunächst einmal immer jene, die den Völkern jeden anderen Weg zur Freiheit versperrten.

Bismarck hatte die Politik einmal die Kunst des Möglichen genannt. Von ihr mehr zu verlangen, hiesse, sie zu überfordern. Ist das wirklich so?

Das kann und darf uns – unterstellt, dass er Recht hätte - nicht hindern, die uns durch das Grundgesetz garantierte Freiheit in Wort und Schrift in Anspruch zu nehmen und allem, was für uns Deutsche verderblich ist, den Kampf bis aufs Messer anzusagen. Wären wir zu feige, ihn aufzunehmen, setzten wir der drohenden linken Gleichmacherei und Bürokratie nicht unseren unbändigen Freiheitswillen kompromisslos entgegen, duldeten wir in der Demokratie auch nur den geringsten verrat an ihrer Grundlage, eben der Freiheit, dann freilich trügen wir wirklich zum Untergang des Abendlandes bei. Darum sei noch einmal der Geist eines Johannes Scherr heraufbeschworen und jedermann dazu eingeladen, die heutige Wirklichkeit mit jener zu vergleichen, die er 1871 beschrieb:

„So streuen diese verblendeten, meist an der Klippe der Halbbildung gescheiterten Menschen eine Unheilsaat, für deren gedeihen nur allzu viel Boden und Dünger vorhanden ist. Boden und Dünger liefert ihr der bornierte Protzenhochmut sowie die zappelnde Philisterangst, die, statt dem „roten Gespenst“ mutig ins Gesicht zu sehen und dasselbe kräftig in sein Nichts zurückzustossen, sich vielmehr von demselben zu den Füssen des Militarismus zurückschrecken lässt, - weiterhin der grobmaterialistische Ungeist der Vergnügungssucht und Genusswut, von welchem die ganze Gegenwart durchgiftet ist. Lasst nur alle diese Motive ungestört fortarbeiten und gebt Acht: ihr füttert damit den Kommunismus so gross, dass ihr eines wüsten Tages vollauf Ursache haben werdet, verzweiflungsvoll aufzuschreien: Unsinn, du siegst!“

Nun, - heute ist es so weit. Wer sollte bestreiten, dass dem kommunistisch-sozialistischen Unsinn keine dämonische Kraft innewohnt, gegen deren Erbarmungslosigkeit und Konsequenz etwas ausrichten kann! Wer wollte nach allem, was die „freie Welt“ seit Ende des letzten Krieges mit Konferenzen, Verhandlungen und dergleichen erlebt hat, das bestreiten! Längst ist der Sozialismus kommunistischer Grundprägung kein Gespenst mehr, sondern Realität geworden.

Der Kommunismus (Johannes Scherr: „wofür ja der Sozialismus nur ein verschämter Name ist!“) ist nichts anderes als eine Religion, wenn auch eine des Diesseits, was nichts an der Tatsache ändert. Das Christentum stellt Wechsel auf die Zukunft aus, von denen niemand beweisen kann, dass sie eingelöst werden, da der Termin im Jenseits liegt. Indessen kann man auch niemand beweisen, dass sie nicht eingelöst werden! Der Sozialismus stellt Wechsel auf die Glückseligkeit aus, deren Fälligkeitstermin im Diesseits liegt, wenn auch ebenso am Nimmermannstage. Seine Schamanen sind sich dessen aber bewusst. Wäre es anders, hätten sie es in noch nicht weiter Vergangenheit nötig gehabt, z. B. in der früheren DDR ein menschenfeindliches System grausigster Gewaltherrschaft zu errichten nach dem altsozialistischen Prinzip „Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag` ich dir den Schädel ein.“

Nun, - inzwischen hat sich einiges geändert, die Freiheit scheint gesiegt zu haben. Die Wiedervereinigung hat dieses System zwar zerschlagen, aber um ein anderes ersetzt, was nicht weniger volksschädlich ist. Denn sie musste einer bürokratischen Herrschaft weichen, die dem gemeinen Bundesbürger alle Rechte nimmt und dagegen alle nur denkbaren Pflichten aufbürdet, während sich die herrschende Führungsschicht wie die Blutegel am verblutenden Volkskörper mästen. Das Ergebnis: Die Kluft zwischen arm und reich wird immer grösser.

Besonders deutlich wird dies nach dem Ende einer Wahl oder während einer Regierungskrise. Sind die neuen Mehrheiten erst einmal gewählt, so ergibt sich daraus als aller erstes ein mitleid- und geschmackloses Gerangel um die Macht, genauer um Posten. Man sieht dies am deutlichsten gegenwärtig in der aktuellen CSU-Krise. Edmund Stoiber tritt ab, und schon beginnen sich die Bullen um das Erbe, d. h. um die neue Herrschaft in Bayern die Hörner gegenseitig in die dicken Schädel zu rammen. Der Wähler beobachtet es mit stillem und geduldigem Widerwillen. Am Ende steigt seine Politikverdrossenheit wiederum ein wenig. Wie hoch kann sie eigentlich noch steigen?

Betrachtet man die Weltgeschichte mit offenen Augen, so muss man die bittere Erkenntnis gewinnen, dass es in Wahrheit gar keinen wirklichen Fortschritt gibt, sondern dass sich die Menschheit gleichsam im Kreise dreht. Die grössten Geister der Welt haben ihre grössten Erkenntnisse ihren Mitmenschen vergeblich geschenkt. Das kann freilich nur den erstaunen, der von den Menschen etwas anderes erwartet, als dass sie Befriedung ihrer Instinkte und nicht etwa Erkenntnisse verlangen, die womöglich gar noch zum Nachdenken zwingen.

Und dennoch. Aliquid semper haeret, etwas bleibt immer hängen. Man hat einen Galiäi durch die Folter zum Widerruf zwingen, nicht aber verhindern können, dass seine Erkenntnis von der Drehung der Erde um die Sonne Gemeingut der ganzen Welt wurde. Und heute? Wie bescheiden werden wir durch das Ausgeliefertsein der Naturgewalten, an wir in jüngster Vergangenheit mit der Flutkatastrophe in Asien und durch die Kenntnis dessen, das unsere Erde ein lächerliches Krümelchen inmitten einer Milchstrasse ist, die ihrerseits nur einen winzigen Bestandteil des Weltsystems von Sternen und Galaxien darstellt! Welch ein Mikrokosmos sind wir im Verhältnis zu diesem Makrokosmos! Und umgekehrt? Ist es da etwa anders?

Wir sind jedoch vor die Notwendigkeit gestellt, nicht nur um unser selbst, sondern vor allem um unserer Kinder und Nachfahren willen mit den Wirklichkeiten des menschlichen Daseins fertig zu werden und das Beste daraus zu machen. Deshalb muss und wird es immer Menschen geben, deren Streben darauf gerichtet ist, es erträglicher und freundlicher werden zu lassen und die Wissenden werden nicht nur darauf bedacht sein, sondern darüber hinaus dazu beizutragen suchen, es zu veredeln.

Was aber gibt es Edleres auf dieser Welt als die Freiheit, deren schier unfassbares Glück nur der zu begreifen vermag, der sie einmal hat vermissen müssen! Sie lebt jedoch nicht nur im Reich der Träume, wie Schiller so schmerzlich sagte, sondern findet, sofern wir es nur wollen, ihre unerstürmbare Burg und Heimstätte in unserem Bewusstsein. Wer die innere Grösse aufbringt, aus Menschenverachtung Menschenliebe werden zu lassen, dessen Verantwortungsgefühl zwingt ihn dazu, dieses Glück auch anderen zuteil werden zu lassen. Wäre es anders, dann hätte keiner der Grossen des Geistes, deren gerade wir anscheinend unbelehrbaren Deutschen so viele und grosse hervorgebracht haben, sich jemals der Mühe unterzogen, zur Feder zu greifen.

In diesem Zusammenhang erscheint es mir notwendig, einem verhängnisvollen Missverständnis vorzubeugen. Es gibt Völker, deren seelische Struktur und Tradition sie zu einer Demokratie unfähig macht und nicht durch das Bedürfnis nach Freiheit, sondern durch das nach Erlösung gekennzeichnet ist. Mit den arabischen Staaten machen wir gerade diese Erfahrungen. Früher waren es die Sowjets. Sie hatten von jeher das ebenso unheilvolle wie komische Bedürfnis verspürt, die Welt von irgendetwas zu erlösen. Ähnliche Ansätze erleben wir derzeit auch durch das Sendungsbewusstsein eine G.W. Bush. Hierbei ist es völlig unwesentlich wovon, gleichviel, ob es sich um ein freiheitliches Regierungssystem handelt. In gleicher Weise finden sie es aber auch keineswegs entwürdigend, ihre Nacken unter der Gewalt einer Autokratie zu beugen. Das hat nicht einmal etwas mit Knechtseligkeit zu tun, sondern ist Bestandteil eines Kollektivempfindens, dass dem Individuum und Andersdenkenden kaum Platz einräumt. Unentrinnbar stehen wir vor der Frage, ob wir durch die Aufweichung unseres nationalen Lebens – gleichviel, auf welchen Gebieten – bei uns die Massen für die Realisierung dieser seelischen Krankheit der Erlöserwahns anfällig machen oder sie davor bewahren wollen.

Der Vorrang „nurwirtschaftlichen“ Denkens gehört nicht dazu, sondern ist eher hinderlich. Die zeit, da wir unter dem Druck der Besatzungsmächte nichts anderes tun konnten als zuzusehen, „wo man bleibt“ und wie man es fertigbrächte, sich aus dem vollkommenen Chaos heraus wenigstens die nackte Existenz zu erhalten und möglichst eine bessere aufzubauen, ist für die letzte Generation vorbei. Seit der Gründung der Bundesrepublik tritt die politische Wirklichkeit wieder mit ihren immer gebieterischer werdenden Forderungen an uns heran. Sind wir ihnen aber gewachsen?

Der oftmals ins Peinliche ausartende Meinungsstreit der Weltanschauungsparteien könnte daran verzweifeln lassen, wenn nicht hier und da wirklich freiheitlich demokratische Kräfte im Aufbruch wären, die der Zustandsgläubigkeit ihren Glauben an die Entwicklung entgegensetzen. Noch nie hat eine Restauration die Entwicklung länger als eine kurze Zeit aufhalten können. Was einmal gescheitert ist, kommt nicht wieder. Der Beweis dafür ist dadurch geliefert, dass sich bei uns „nichts regt“ Mit Recht wird über die Gleichgültigkeit und Verdrossenheit geklagt, die das Volk seinen Vertretern entgegenbringt, von wenigen populären Persönlichkeiten abgesehen. Die masse wählt zwar, aber mit ständig schwindender Beteiligung, aber sie wählt die, welche sie als das kleinere Übel dem grösseren vorzieht. Von echtem vertrauen spürt der, welcher wirklich das Ohr ans Herz des Volkes legt, nicht viel. Dabei wird so manchem Volksvertreter sogar bitter Unrecht getan! Aber was ändert das an den Tatbeständen?!

Einstweilen schätzt und billigt das Volk bei uns die Demokratie in erster Linie deshalb, weil sie eine Diktatur abgelöst hat, welche die Freiheit versprochen und dieses Versprechen gebrochen hatte. Zu alledem erlebten wir einen Zusammenbruch, wie ihn die Weltgeschichte in solchem Ausmass kaum je zuvor gesehen hat. Abgesehen von dem ehemaligen Sowjetrussland ist keine der Siegermächte dessen froh geworden. Es ist alles ganz anders gekommen, als sich diejenigen gedacht haben, die sich von der Vernichtung Deutschlands einen Gewinn versprachen. Selbst die Briten sahen sich bald gezwungen, ein Einvernehmen mit dem damaligen Westdeutschland zu suchen, wenn auch mit süss-saurer Miene, zumal diese „blody damned Germans“ es ebenso wie die einsichtiger gewordenen Franzosen mit der deutsch-französischen Verständigung ernst meinten und schon lange keine Lust mehr verspürten, einander wechselseitig umzubringen. Business as usual – ein Geschäft wie immer. Das ist der Klebstoff, der Europa bindet. Kein schlechtes Geschäft vielleicht, wie sich aber noch beweisen muss. Derzeit bestehen drei Eckpfeiler der Freiheit. Der mächtigste ist die USA. Europa hält z. Zeit noch mit. Dritter dieser Eckpfeiler ist die Schweiz, diese Burgfestung Europas (auch ohne formelle Mitgliedschaft). In allen diesen drei Eckpfeilern der Nationen ist jeder Demokrat bereit, die Freiheit seines Landes wie die bürgerlichen Freiheiten mit Leib und Leben zu schützen.

Man glaube jedoch nicht, die Freiheit der Welt könne anders als durch die Waffen, insbesondere die geistigen Waffen, verteidigt werden. Der Pazifismus ist eines der wirksamsten Kampfmittel gegen jede Form der Diktatur.. Der Antiatomrummel, an dem sich sogar Gelehrte von hohen Graden beteiligt haben, gehört mit dazu. Auch sein Ausgangspunkt ist ein Denkfehler, dem niemand verfallen kann, der sich die modernen Kriegswaffen näher anschaut. Mein Vater sagte einmal: „Ich halte den Tod, den ein in die Weichteile treffender Wurfspeer verursacht, keineswegs für sanfter und milder als den durch eine Atombombe verursachten. In beiden Fällen ist der Tod gleichermassen unerwünscht!“

Der Ruf „Nie wieder Krieg ist somit realistisch betrachtet genauso intelligent wie der Ruf „Nie wieder Gewitter!“ Zugegeben: bei manchen Menschen ist der Appell an die Feigheit wirksamer als der an die Tapferkeit. Und das betrifft unser Leben in allen Formen und Herausforderungen.

Die Freiheit ist ein unabwürgbarer Trieb, der sich wohl für einige Zeit ducken und einschläfern lässt, sich aber allem Trotz früher oder später wieder Bahn brechen muss. Das ist nicht mehr und nicht weniger als ein Naturgesetz: „Naturam expellas furca, - tamen usque recurret! – Du magst die Natur mit der Heugabel austreiben, - sie wird dennoch zurückkehren!“

Friedrich Schiller, dessen „Wilhelm Tell“ ein einziges hohes Lied der Freiheit ist, hat es darin glühender gesagt:

„Wenn der Gequälte nirgends Recht kann finden,

greift er getrosten Mutes in den Himmel

und holt herunter seine ewigen Rechte,

die droben hangen unveräusserlich

und unzerstörbar wie die Sterne selbst!“

und ferner:

„Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,

in keiner Not uns trennen und Gefahr.

Wir wollen frei sein, wie die Väter waren.

Lieber den Tod als in der Knechtschaft leben!“

Dieser Geist und kein anderer war und ist die einzige reale Grundlage jeder echten Demokratie. Darum sei allen, die es angeht, alles übertönend zugerufen:

„Videant consules ne quid res publica detrimenti capeat! - Mögen die Konsuln Sorge tragen, dass der Staat keinen Schaden erleidet!“

Denn die Zeit ist reif!

Liebe – Frau – Mann

Wer löst das Rätsel „Liebe“? Nur, wer das Rätsel „Mensch“, das Welträtsel löst, also niemand. Der gewaltige Naturtrieb zeigt sich beim Mann offener, ist aber bei der Frau heftiger, schon deshalb, weil bei ihr die Scham den Trieb mehr zügelt und folglich zusammenfasst, verdichtet, potenziert. Dann aber auch noch mehr, weil die Frau Mutter werden will, werden muss, um das Naturbestimmteste, Herrlichste und Heiligste zu verwirklichen, was auf Erden lebt: - Die Mutterliebe.

Für den Mann ist die Liebe nur eine Entwicklungsphase seines Wesens, für die Frau ist sie alles in allem, Lebenssubstanz, Himmel und Hölle. Für den Mann reisst in der Tat „mit dem Gürtel, mit dem Schleier“ gewöhnlich der „schöne Wahn“ entzwei; aber für die Frau ist die Brautnacht oder die erste sexuelle Begegnung das Tor zu ihrem wahren und wirklichen Dasein. Denn in dieser Nacht triumphiert aus dem Verlust ihrer Jungfernschaft die Mutterschaft auf, die Essens ihres Wesens und Daseinszwecks. Der Mann liebt zeitweilig; die Frau will immerfort lieben und geliebt werden.

Die moderne Kultur hat den Naturtrieb sozusagen zivilisiert, romantisiert, sublimiert, idealisiert. Aber dass er und nur er, der wirkliche Eros, - das können nur Leute bezweifeln und bestreiten, deren Feigheit nie wagt, der Wahrheit unverblümt ins ehrliche Gesicht zu sehen, und welche sich daher allzeit hinter einer Phrasenmaske verstecken möchten.

Auch die Frau sucht in der Liebe zunächst nur die Geschlechtsbefriedigung, weil es sein muss, weil die Natur es tyrannisch dazu zwingt. Ein sittsames Mädchen ist sich dessen sicherlich gar nicht bewusst, wenn sich das, was man „Liebe“ im idealen Sinne nennt, in ihr regt. Allein alles Nebeln und Schwebeln, alle lyrischen Redensarten beiseite gelassen, ist es doch nur der „dunkle Despot“ welcher die Blicke der Jungfrau lenkt und ihre Sehnsucht erzeugt.

Der Minnesänger Geibel hat einmal gesungen: „Die Lieb`ist Wunder, Lieb`ist Gnade

Die wie der Tau vom Himmel fällt.“-

Das ist schön gesagt. Währe es nur mehr als eine lyrische Lüge! Denn in Wahrheit ist die Liebe kein „Wunder“, d.h. kein Nichtexistierendes, weil eine Naturgewalt! Warum aber ist dieser tyrannische Trieb, dieser dunkle Despot da? Darauf gibt es keine Antwort. Warum ist der Mensch da? Warum ist der ganze Erdenhumbug und der ganze Weltschwindel da? „Quien sabe!“ sagt der Spanier.

Hartmann hat einmal in seiner „Philosophie des Unbewussten“ geschrieben:

„Sehr lange überdauert keine Liebesleidenschaft den Genuss, wenigstens nicht beim Manne, wie alle Erfahrungen zeigen, wenn sie auch zuerst noch kurze Zeit wachsen kann. Die Liebe ist ein Gewitter; sie entlädt sich nicht in e i n e m Blitz, aber nach und nach ihrer elektrischen Materie; und wenn sie sich entladen hat, dann kommt der kühle Wind, und der Himmel des Bewusstseins wird wieder klar und blickt staunend dem befruchtenden Regen am Boden und den abziehenden Wolken nach.“

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Zum neuen Europa und seine Verfassung

Ein und dieselbe Sorte Europäer hat daheim, um die sich vollziehende Erweiterung und Globalisierung möglichst aufzuhalten, mit den Erzfeinden der Geistesfreiheit mit jener Macht verbündet, mit jenen falschen Patrioten, deren Wiege zwar einmal auf Europäischem Boden stand, welche aber in Wahrheit in patriotischer Unbelehrbarkeit nur ihr Vaterland kennen und anerkennen und allenfalls noch als Alibi den Vatikan in Rom und das Christentum vorschieben. Wir treffen es überall, dieses christlich-soziale Bollwerk, beherrscht von verblendeten Absolutisten.

Bei allen diesen Gesellen, den zurechnungsfähigen wie den unzurechnungsfähigen, zeigt es sich recht deutlich, was aus dem Menschen wird, wenn er sich von den „starken Wurzeln einer übergeordneten, moralischen staatsmännischen Kraft“, von dem Trieb und Gedanken eines gerechten und vorbildlichen, freiheitlichen Staates, losreißt: Ein halt- und saftloser Stamm, dessen dürre Äste und blätterlose Zweige misstönig im Phrasenwinde klappern und der, statt Früchte zu tragen, nur die Misteln der Phantasterei, der Selbstüberschätzung und der Sekteneitelkeit zur eigenen Machterhaltung ansetzt. Jeder will sein eigenes Süppchen kochen.

Das wäre nicht verkehrt, wenn die weltpolitischen Machtverhältnisse es zulassen würden. Die Zurechnungsfähigen unter der Schar der Wissenden aber erscheinen bei näherer Betrachtung zumindest aus der Sicht der Führungsebene der Staaten zumeist als „unsaubere“ Staatsbürger. Auf die Unzurechnungsfähigen wirken aber leider, wie Glitzerpapier auf schnatternde Elstern wirkt, die verrückten Bombastreden von der allgemeinen Menschenbruderschaft, von der Völkersolidarität, vom wahrhaftigen Patrioten, vom ewigen Frieden und dergleichen mehr.

Wenn diese Herren oder Damen in der Politik sich einmal auch nur ein wenig die Mühe geben wollten, sich selber und in ihnen den Menschen, wie er wirklich ist, kennen zu lernen,, - sie würden sich schämen, solch Narrenzeug öffentlich daherzusalbadern. Der normale Bürger ist nicht politisch, er kämpft um das tägliche Brot.

Das neue Europa ist nun einmal da. Ob dies, und/oder seine Verfassung uns gefällt oder nicht, ist völlig gleichgültig. Wir Neben- oder Draussenstehenden haben vielleicht das Recht, – aber vor allem keine Möglichkeit, zu verwerfen, was sich die Beitrittsländer aufgrund der Entscheider durch die politische Spitze gefallen lassen müssen. Eine schlechte Verfassung ist immer noch besser als gar keine. Zudem sind wir viel zu gescheit, um mit Verfassungen Abgötterei zu treiben. Wie viele „musterhaftere“ republikanische Verfassungen hat zum Beispiel Frankreich schon gehabt? Und was sind sie allesamt gewesen? Wertlose Stücke Papier, eins nach dem anderen in den Reißwölfen der Weltgeschichte verschwunden.

Wo der wahre Geist der Freiheit nicht in der ganzen Anschauungs- und Empfindungsweise eines Volkes, nicht in den Sitten, nicht in allen Bereichen seiner Kultur hinstrebt und lebt, bringt ihn keine Revolution und auch keine Verfassung. Aber haben wir denn eine Wahl? Nein! Wir werden ohnehin von einigen wenigen manipuliert. Wir haben noch nicht erkannt, dass wir nicht in einer Demokratie leben, wie die Denker ihres Ursprunges im Auge hatten. Nein wir leben in einer „Zentralistischen Demokratie“, eine milden Form der Diktatur, die sich bis in die Höchsten Spitzen der Regierungen über die Landesgrenzen in Brüssel manifestiert haben. Und unsere Möglichkeiten dagegen anzukämpfen, wenn uns etwas nicht passt? Keine. Zumindest nicht in meiner Generation. Vielleicht wird die Geschichte schon bald umgeschrieben, wenn die derzeitige Politikverdrossenheit einem stärkeren Gerechtigkeitssinn und einem Mut zu Veränderungen weichen würde. Wobei nicht jede Veränderung auch eine Verbesserung ist.

Der politische Mensch

Der erlauchte und erleuchtete Prophet der Freiheit, Friedrich Schiller, hat an der Schwelle des 19. Jahrhundert in düsterer Resignation gesagt: „Freiheit lebt nur in dem Reich der Träume“.

Ist er seither widerlegt worden? Nein. Die Menschen in ihrer Mehrheit – in einer so ungeheuren Mehrheit, dass die verschwindend kleine Minderheit kaum noch sichtbar ist – wissen gar nicht, was Freiheit ist; sie wollen nur ihr möglichst behagliches Auskommen haben.

Die Völker wollen nicht frei sein, sondern reich, mächtig, angesehen, herrschend. Sie wollen und müssen einen Götzen oder Führer haben, damit ihre angeborene Unterwürfigkeit davor niederkniet, um ihn anzubeten. Regierungslosigkeit als absoluteste Form der Freiheit erscheint den Menschen als das größte Unheil. Mit Recht. Sie merken wohl, dass die Bestie in ihnen nur staats- und vor allem zwangsweise niedergehalten und gebändigt werden kann. Nehmen wir doch einmal für eine Weile Straf- und Zivilgesetzbuch und Polizei aus unserer hochgelobten modernen Zivilisation weg, - und wir werden menschliche Züge entdecken und erleben, deren Unmenschlichkeit uns beweisen wird, was es mit dem ewigen selbstgefälligen Fortschrittsgeschrei eigentlich auf sich hat. Die Wahrheit ist nämlich: - Die Bühne der weltgeschichtlichen Tragikomödie ist ein Labyrinth. Die Menschheit bewegt sich. Ja, aber sie bewegt sich im Kreise herum.

Die Freiheit des Menschen

Aber Männer, welche über die Illusionen hinweg sind und, nachdem sie das Narrenspiel des Menschendaseins in seiner ganzen Nichtigkeit erkannt haben, den bitteren Ekel, dasselbe mit ansehen zu müssen, und nur mittels Beimischung von Ironie einigermaßen zu versüßen vermögen, werden sich kaum enthalten können, zu sagen: welcher Verständige bzw. Wissende wird solchem Gebrumme irgendwelchen Wert beilegen? Lasst die Illusionäre um die fixe Idee von der Müdigkeit der Massen sich drehen, wie drehende Derwische um die eigene Nasenspitze sich schwingen. Lasst sie mit ihrer holen Schwindelblase, genannt Selbstbestimmung der Völker, kindisch spielen. Man weiß ja, wie es mit dieser Mündigkeit und Selbstbestimmung bestellt war, ist und – vermutlich immer - sein wird.

Die Massen mündig? Ein pubertärer Traum. Die Völker sich selbst bestimmend? Eine lächerliche Selbstbelügung. Reibt euch doch endlich die rousseauschen Träume aus den Augen und seht euch die Dinge an, wie sie wirklich sind. Wo denn habe die Völker bewiesen, dass sie frei zu sein verständen, - ja auch nur, dass sie frei sein wollten? Nirgends. Selbst die scheinbar freiheitlichen, freiheitlichsten Epochen einzelner Europäischer oder (noch nicht) nichteuropäischer Staaten erweisen sich bei näherem Betrachten und unbefangener Untersuchung überall als Täuschungen. Kannte das Altertum eine Verwirklichung des humanen Freiheitsideals? Oder das Mittelalter? Oder die Neuzeit? Nein. Haben Luther und Calvin die Freiheit gebracht? Oder die Robbespiere, Danton und Marat? Die Europäische Union seit ihrer Gründung? Abermals nein. Und heute? Ich suche sie vergebens! Das Gegenteil ist der Fall. Das was wir Kultur nennen ist eine sublimierte Form der Verknechtung des Einzelnen zugunsten eines angeblichen Gemeinwohls. Die einzigen, die frei sind, sind jene, die an der Macht sind und über unser Schicksal bestimmen. Da hat sich – geschichtlich betrachtet – nichts geändert und wird sich vermutlich auch nichts ändern.

Das genasführte Volk

Die Macher in Religionsgefahr und sonstigen Pöbelexzessen wissen sehr wohl, dass die kenntnislose, denkfaule, oberflächliche, genusssüchtige und niederträchtige Menge allzeit bereit ist und sein wird, das von ihnen angestimmte „Kreuzige“, auszuführen, so, wie der Schrei nach der Guillotine während der Französischen Revolution durch sie ertönte, und so, wie im alten Rom der Schrei nach panem et circenses, nach Brot und Spielen die Massen prägten. Von dem schlechtunterrichteten „unfehlbaren“ Volk an das besser zu unterrichtende zu appellieren, nützt gerade soviel, wie die Appellation von dem schlecht unterrichteten unfehlbaren Papst an den besser zu unterrichtenden.

Es ist eine der jammervollsten weltgeschichtlichen Tatsachen, dass das arme, unwissende, genasführte Volk immer und überall willig war und ist, sich mit seinen falschen Freunden gegen die wahren zu verbünden. Ja, traurig zu sagen, es lässt sich lieber tausendmal belügen, als nur einmal belehren – eine Erscheinung von so empörender Natur, dass sie sogar dem mildesten und liebevollsten Herzen, welches einem Dichter den Zornesschrei entriss:

„Das Volk, das froh in seine Hände schlägt

und jubelnd die Lüge begrüßt,

hat keinem, welcher die Wahrheit trägt,

auch nur eine Stunde versüßt.“

Der dämonische Mensch

Der dämonische Mensch ist besessen von seiner Fantasie, von seinem Gefühl, von seiner Liebe, seinem Hass, seiner Leidenschaft, seiner Wahrheit, seinem Wahn. Fanatiker im Guten wie im Bösen, atmet er im Maßlosen, im Extremen als seiner wahren Lebensluft. Es ist ein und derselbe Trieb, welcher den einen zum Narren und den anderen zu einem Bösewicht macht. Es ist dieselbe Sucht und Wut, welche eine heilige Elisabeth oder Mutter Theresa ihr Wohlbehagen mit Aussätzigen und Kranken finden und einen Jakob Sprenger den „Hexenhammer“ schreiben lässt. Es ist derselbe dämonische Stolz, welcher in Rousseau rebelliert und in Napoleon tyrannisiert. Dasselbe Empor- oder Hinabgerissensein verwandelt den Kamelhüter Mohammed in einen Propheten und die Kaiserin Messalina in eine Dirne. Du darfst in der Region des Dämonischen alles suchen und wirst darin alles finden, ausgenommen gesunden Menschenverstand, Maß und Regel. Das Dämonische ist reine Fantasiewillkür.

In dem bekannten Sturm- und Drangsatz heißt es: „Das Gesetz hat noch keinen großen Mann gebildet; aber die Freiheit bildet Kolosse aus.“ Jawohl; nur muss hinzugefügt werden: der Mehrzahl nach Kolosse des Unsinns, der Extravaganz, der blanken Narrheit, der grauenhaften Schäusäligkeit. Die „Freiheit“ des Dämons ist nur die souveräne Willkür, alles zu tun, wozu ihm die fixe Idee, welche ihn besitzt, reizt und antreibt. Es ist ganz auch die vom Pöbel und von der Kirche geforderte „Freiheit“, alles außer ihm oder ihr zu unterdrücken und zu beherrschen. Alle großen Kirchenväter und Päpste sind dämonische Naturen gewesen. Wie aber das Dämonische in den Massen schauderhafte Gestalt gewinnt, das wissen die Kenner der französischen Revolutionsgeschichte zur Genüge. Steckt nicht in jedem von uns auch ein Dämon, der uns zu beherrschen sucht?

“Das Kapital sollte dem Menschen dienen, nicht umgekehrt!”

“Viele Sieger haben Träume, die ihnen die Wahrheit verraten: nämlich dass sie eigentlich im Wesentlichen Verlierer sind!”

Das Beste lieben

Manchmal müssen wir uns einen Menschen ganz genau ansehen, um zu erkennen, dass er sein Bestes gibt, was er geben kann. Wenn wir das erkannt haben, können wir ihn auch lieben und ihm vertrauen.

Ungelebte Liebe ist ungeliebtes Leben

Jemanden kennen lernen

All dieses viele Reden am Anfang! Warum? Um etwas zu tun? Nein, es ist Verschleierung der wahren Absichten, noch keine Verführung, wenn überhaupt. Es ist ein Verbergen der wahren Absichten: die pure Lust, der Urtrieb des Menschen nach Paarung. Man redet und hat das Gefühl es dient dem eigentlichen Ziel. Und es spielt keine Rolle, was man sagt – was jeder sagt – nichts ändert sich an dem eigentlichen Motiv der Verschleierung – dem Ziel der beginnenden Intimität; man weiß es, ohne sich dessen bewusst zu sein, das Begreifen stellt sich ganz allmählich ein. Zuerst kratzen wir an der Oberfläche, glauben aber schon die Tiefe des anderen zu erahnen. Es verstärkt sich die Neugier. Wenn ich von meiner Vergangenheit, von meinen verflossenen Beziehungen spreche, so dient diese Ablenkung, der Beginn der Verzauberung – auf die ich gerne verzichten würde – nur diesem einzigen Endziel, dem Sex! Würden Männer und Frauen – bitte Hand aufs Herz -  sich bezaubern, wenn Sex keine Rolle spielen würde? Die Antwort ist ehrlich: Nein! Jeder beginnt, sich vorzustellen und ist sich sicher: egal was man sagt, es interessiert den anderen. Nicht aber im Hinblick auf die Aussage, nein, nur im Hinblick auf die Verlegenheit des Anfangs, statt direkt zu sagen: Ich möchte mit dir vögeln! Man unterhält sich brav weiter und denkt: Wie lange muss ich noch dieses Theater spielen? Ich starre auf ihren Mund, der sich pausenlos bewegt und lockt, dann auf ihren Busen der sich erregend hebt und senkt. Wie lange soll das noch dauern? Ich muss ehrlich sagen: Die hohe Kunst des Flirts bedeutet mir nichts, dazu bin ich zu sehr von meinem Trieb beherrscht. Nein, inzwischen geht es nicht mehr um Verführung. Es ist ein Spiel, ein Lust – Spiel der Verbindung, des Entdeckens von Gemeinsamkeiten, der des gemeinsamen elementaren Triebes. Mit nichts anderem sollte man diese Verschleierung verwechseln. Sie ist Mittel zum Zweck. Bin ich gerissen? Ja, ich leugne es nicht! Ich suche ihren Instinkt zu entdecken, jenen Instinkt, der eine Frau von ihren anerzogenen Fesseln befreit, suche ihre Dominanz, deren Urheber ich sein möchte, damit sie aneinander sich reiben, ein Wechselspiel der Leidenschaften zwischen unten und oben!

Der Altersunterschied

Sie ist noch sehr jung. Die meisten Menschen finden einen extremen Abstand wischen dem Alter zweier Liebenden exotisch bis abstoßend, eine widerwärtige Farce. Für viele Frauen hat dieser Altersunterschied aber auch etwas anziehendes: Sie dürfen sich fügen und sind zugleich Herrscherinnen. Im Bett ist wechselseitige Unterwerfung eine wichtige Stimulans. Die junge Frau kann sich ohne Selbstwertverlust der Dominanz des älteren Mannes unterwerfen und ist selbst diejenige, die unterwirft. Er unterwirft sich ihr, weil sie die Macht der Jugend und der Schönheit besitzt. Sie weckt in ihm die Leidenschaft, die sie von keinem jungen Mann bekommen kann, weil dieser ebenfalls bewundert werden will und ihr letztlich die Macht versagt, nach der ihr Innerstes so sehr verlangt. Egal was man denkt, man kann sich nicht über den Sex erheben. Er wird immer unser sonst so geregeltes Leben in Unordnung bringen. Jede – auch nur kleinste- Eitelkeit meldet sich zu Wort, um einem diese naturgemäße Abhängigkeit von den Trieben klarzumachen. Jede Abwendung von dieser Wahrheit verspottet das Leben! Was sollte man auch anderes spüren, wenn man eine junge, schöne, perfekte Frau in den Armen hält? Was sollte man mit fast sechzig Jahren spüren, wenn alle bisher unauffälligen Körperteile sich allmählich besorgniserregend bemerkbar machen, während das eine Organ, was sich stets ein Leben lang mehr als die anderen bemerkbar gemacht hat, dazu verurteilt sein soll, zur Bedeutungslosigkeit zu verkümmern? Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, durch diese Beziehung böte sich eine letzte Gelegenheit zu einer Rückkehr zur Jugend. Das Gegenteil ist der Fall: Der Unterschied zur Jugend ist niemals spürbarer. Man müsste schon ein Idiot sein, um sich jung zu fühlen. Nein, man empfindet den Unterschied der Zukunft sehr schmerzhaft. Es ist, als wenn man mit einer jungen Fußballmannschaft mithalten wollte und dennoch jede Sekunde den Unterschied erkennt. Nein, man spürt die Qual des fortgeschrittenen Alters auf eine neue Weise!

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