Subscribe to
Posts
Comments

Während Mrs. Miller schon im Schlafzimmer ist, erledigt David mit Hanna noch rasch die Unterschriften unter die wenigen Briefe und gibt ihr dann einen väterlichen Klaps auf die Wange: „So, und nun will ich ins Bett. Go on, Baby!“

Aha! Vom Alten hat Tim das „Go on, Baby“ und „Hallo, Baby“! Wie sagt doch ein altes Sprichwort: „ Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm!“ Dass Tim seinem Vater nachzueifern versucht, ist so gesehen gewissermaßen auch ein unbewusstes Kompliment von Tim an seinen Vater.

Aber Hanna, – sie ist noch so munter, dass sie gar nicht schlafen gehen möchte. Sie sucht Karlemann auf. Er ist nicht in seinem Zimmer. Sollte er noch in die Bar gegangen sein?

Sie fährt hinunter zur Halle, steigt die Stufen zu der geräumigen Bar hinab und findet Karlemann mit Tim an einem Ecktisch in bequemen Sesseln sitzen. Mitten auf dem Tisch steht eine Whiskyflasche, und eben bringt der Kellner neues Sodawasser und Eis.

„Typisch amerikanisch!“ denkt sie. „In Frankreich, dem weltweit größten Weinexportland sein und Whisky trinken! Welch eine Ignoranz französischer Trinkkultur!“

Man muss dazu bemerken: Weintrinken gehört zu den Franzosen wie das Schlangestehen zu den Engländern oder Biertrinken zu den Bayern oder Stierkämpfen zu den Spaniern.

Es ist nicht nur eine Leidenschaft, nein es ist eine höchst entwickelte und kultivierte Lebensform.

Die Franzosen – übrigens ähnlich auch die Spanier oder Süditaliener – trinken sich nur selten einen Rausch an. Nein! Sie trinken mit Verstand – immer ein wenig, das aber regelmäßig – beispielsweise ein Glas Wein zum Frühstück – ausnahmsweise darf es auch mal ein Pernod sein –, – zwei, drei Gläser Wein zum Mittagessen, dann noch am Nachmittag zum Tee, ein bis zwei Gläser, etwas mehr darf es dann schließlich zum Abendessen sein und dann noch etwas mehr – nach dem Essen, vor dem Schlafengehen.

Sie sind aber niemals betrunken. Sie halten lediglich ihren Alkoholspiegel auf einem körperverträglichen Maß, was ihnen die notwendige Gelassenheit und den berühmten freundlichen Charme gibt, der die Welt mit ganz anderen – gewissermaßen verklärten Augen – erscheinen lässt …

Weder Tim noch Karlemann bemerken Hanna zunächst. Tiefsinnig blicken beide in ihre gefüllten Whisky-Soda-Gläser.

So hört sie Karlemann belanglos sagen: „Wie die Kohlensäure perlt!“

„Ja“, erwidert Tim ebenso gedankenvoll: „Wie die Liebe! Sie perlt und verfliegt! Aber sie ist schön! Ihr Wohl, Kaalemänn!“

„Ihr Wohl, Mr. Miller!“

„Sie sind ein feiner Kerl, Kaalemänn! Sagen Sie Tim zu mir! Sie sind ein ganz feiner Kerl! Ihr Wohl! Wir haben im La Maison darben müssen. Jetzt holen wir es nach!“

„Es scheint so!“ lächelt Karlemann.

„Es scheint so!“ mischt sich auch Hanna lächelnd in das Gespräch, die nun an die beiden Männer herantritt. „Darf ich?“

„Oh –!“ Tim ist aufgesprungen. „Hanna – Miss Hanna ! Nehmen Sie meinen Platz ein! Ich hole noch einen Sessel herbei!“

Das aber hat der herbeieilende aufmerksame Kellner schon getan.

„Ich war noch zu munter, um schon zu Bett zu gehen“, sagt Hanna wie entschuldigend zu ihrem Bruder.

„Ich auch!“ bemerkt Tim, erfreut über ihr Kommen. „Ich traf Ihren Bruder gerade noch rechtzeitig, um ihn dazu verführen zu können, mir hier noch ein wenig Gesellschaft zu leisten. Wenn ich geahnt hätte, dass auch Sie –“

„Dann hätten Sie auf mich langweiligen Kerl sicherlich gern verzichtet!“ lacht Karl.

„Sie sind nicht langweilig, Kaalemänn, im Gegenteil!“ protestiert Tim. „Was Sie mir von sich und von Ihrem Leben erzählten, war für mich sogar recht wertvoll. Vielleicht werden wir darüber noch einmal sprechen. – Was halten Sie von meiner Schwester, Miss Hanna?“

„Viel“, Mr. Miller“, sagt sie mit ernstem Gesicht. „Sicher mehr, als sie selbst von sich hält!“

Worauf er entgegnet: „Sie ist mitunter etwas schwierig. Das war sie schon immer. Aber sie ist dennoch ein lieber Kerl! Ihr fehlt nichts, als ein Mann, in den sie sich endlich einmal wirklich und ernsthaft verlieben könnte!“

„Fehlt das nicht den meisten Mädchen? Und umgekehrt?“ erwidert sie.

„Bettina will immer nur spielen!“ brummt Tim.

„Es soll auch Männer geben, die das wollen, und sie brauchen deshalb nicht die schlechtesten zu sein, Mr. Miller!“, lacht Hanna bitter auf.

„Seien Sie doch nicht so verdammt feierlich, mit Ihrem Mr. Miller!“ sagt Tim mit leichter, nunmehr dank Alkohol gelöster Zunge: „Ich lasse es mir ja gefallen, wenn Daddy und Mammi dabei sind! Aber sonst und jetzt –! Ihr Bruder heißt Kaalemänn, und Sie heißen Hanna und ich Tim, und wenn es einer mit mir gut meint, sagt er Timmy zu mir. Ihr Wohl, Hanna!“

„Ihr Wohl, Timmy!“ lächelt sie ihm zu.

Tim kommt wieder auf das vorherige Thema zurück: „Was Bettina betrifft, müsste sie sich in einen Mann wie Sie verlieben, Kaalemänn. Ihnen würde ich das gönnen?“

„Wollen Sie mir jetzt etwas Gutes oder Böses gönnen?“ lacht Karl herzlich auf. „Aber, wie dem auch sei, ich bin vertraglich dagegen versichert, Tim!“

„Überhaupt – so einen Kerl wie Sie wünsche ich mir als Schwager! Vertrag hin, Vertrag her! Und wenn Sie Bettina nicht heiraten wollen, erteilen Sie ihr wenigstens eine gründliche Lehre!“ lässt Tim nicht locker.

„Findest du, dass ich einer solchen bedarf?“ fragt Bettina, und sie amüsiert sich köstlich darüber, dass keiner sie eintreten und näherkommen sah.

„Bettina –!“ stammelt Tim überrascht und wie bei einer Untat ertappt. „So spät noch?“

„Genau wie ihr konnte ich noch nicht schlafen und habe mich wieder angezogen. Ich dachte mir schon, dass du noch in die Bar gegangen wärest, Timmy. Nett, dass Sie auch dabei sind!“ und schaut dabei Hanna und Karl an, „gebt mir bitte auch einen Whisky! Um diese Zeit ist das ein höchst vernünftiges Getränk. Was für eine Lektion sollen Sie mir nach dem Wunsche meines freundlichen Bruders erteilen, Karl?“

„Ich fühle mich nicht dazu berufen, Ihnen irgendeine Lehre zu erteilen, Miss Bettina, zumal ich nicht glaube, dass Ihnen daran gelegen wäre“, erwidert dieser ruhig und gelassen.

„Und wenn es nun anders wäre?!“ blitzt sie ihn an.

„Mit dem Feuer würde ich an Ihrer Stelle lieber nicht spielen! Sie könnten sich verbrennen!“ kommt es ebenso zurück.

„Eins zu eins!“ lacht sie. „Wir werden ja sehen! Es ist noch nicht aller Tage Abend! Auf Ihr Wohl, Kaalemänny!“

„Ihr Wohl, Betty!“

„Kellner!“ ruft sie, und fragt den herbeieilenden Kellner, ob man keine Musik spielen kann.

„Aber gerne, Madame! Was wünschen Madame zu hören? Rock? Tanzmusik? Fox, Boogie, Tango?“

„Tango, bitte.“

Leise erklingt aus den Lautsprechern der Bar ein Tango.

„Würden Sie es mit mir wagen, Karl?“ fragt Bettina.

„Bitte –!“ sagt er mit einem kurzen sich entschuldigenden Blick auf Hanna und Tim, und dann geht er mit ihr zur Tanzfläche.

„Wovon sprach Timmy, als ich kam?“ kann sich Bettina nicht verkneifen, Karl auszufragen.

„Ich habe es schon wieder vergessen“, weicht dieser allerdings vorsichtig aus.

„Sie haben es nicht vergessen und sollen es auch nicht!“ stößt sie kaum hörbar hervor, und sie krallt die Finger in seinen Nacken: „Hören Sie?! Sie sollen es nicht vergessen, und ich will es jetzt nicht mehr wissen, weil ich es nunmehr ohnehin weiß! Fassen Sie mich fester, Kaalemänny! Oder haben Sie Angst vor mir?“

Karl umfasst sie fester, als er leise erwidert: „Ich habe nur Angst davor, dass Sie Angst vor sich selber bekommen könnten, Bettina! Sie sind nämlich in Wirklichkeit ganz anders, als Sie sich meist geben.“

„Wie bin ich denn –?“ fragt sie leise, während sie sich in seinen Arm schmiegt und im Tanze wie eine Feder wird, – so leicht –

Karl bleibt reserviert und lockert dabei etwas seinen Arm: „Ich glaube, ich werde es Ihnen niemals sagen, Bettina! Ich bin sehr glücklich in Ihrer Nähe. Aber Sie und wir, nämlich Hanna und ich, – das sind wohl doch zu unterschiedliche Welten.“

„Haben Sie im Augenblick dieses Gefühl?“ lacht sie gurrend in sein Ohr und ihr heißer Atem streift seine Wange.

„Das gerade nicht. Aber es ist nur ein Augenblick und der soll es auch nur sein! Sie spielen mit dem Feuer, Bettina!“ Und er zieht sie plötzlich mit dem rechten Arm so fest an sich, dass ihr fast die Luft weg bleibt und es schmerzt.

„Schön – so!“ flüstert sie. „Weiter! Tanzen! Tanzen! Oh! – Schade, die CD ist zu Ende …“

„Ja, schade!“ sagt er lächelnd, während er sie wieder an ihren Tisch führt. „Das ist nun mal so mit CDs!“

„Es sei denn, man legt eine neue auf!“

„Unter solchen Umständen empfiehlt sich ein CD-Wechsler, Bettina!“

„Ganz recht!“ erwidert sie mit der ihr eigenen leichten Ironie. „Wir werden dafür Sorge tragen müssen!“

„Und die Auswahl der Stücke?“ fragt er spöttisch, wieder ganz entzaubert.

„Das lassen Sie nur meine Sorge sein, mein Lieber!“

Tim lässt Hannas Hand, die er unentwegt streichelte, und fragt: „Verzeih, Bettina, wovon habt ihr gesprochen?“

„Nur davon, dass es im Leben gut ist, mehr als eine CD zum Spielen zu haben, Timmy!“ lacht Bettina, und Karl Schlüter muss sich eingestehen, dass sie dabei hinreißend schön ist. Er wird sich sehr in Acht nehmen müssen! …

Leave a Reply

You must be logged in to post a comment.