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Zar Demetrius I. Betrüger oder Betrogener

Im Jahre 1584 trat Iwan der Vierte (Wassiljewitsch), Zar aller Reußen, vom Stamme der Rjurikiden (1), auch genannt „der Henker“, oder „Der Schreckliche“ auf die „rote“ Treppe des Kreml zu Moskau hinaus, und starrte lange und gedankenvoll auf den strahlenden Sternenhimmel.

Plötzlich sah er zwischen den Kuppeln und Türmen der Kirche Iwans des Großen und der Kirche der Verkündigung einen Kometen mit kreuzformartigem Feuerschweif.

Der Zar bekreuzigte sich, wandte sich ab und murmelte vor sich hin: „Das bedeutet nichts Gutes!“

Kurz darauf erkrankte er schwer und musste das Bett hüten.

Nach mehr als drei qualvollen Tagen vergeblicher Heilungsversuche durch die Ärzte am Hofe, richtete er sich mühsam in seinem Bett auf und rief: „Ich brauche Hilfe. Aber haltet mir ab sofort die Quacksalber vom Leib! Holt mir die Schamanen!“

Dann stöhnte er auf und sank nach diesen Worten, vollkommen geschwächt mit kaltem Schweiß auf der Stirn und schmerzverzerrtem Gesicht sowie schwer atmend in seine feuchten Kissen zurück.

Mit schwacher Stimme rief er dem davoneilenden Diener noch hinterher: „Und eilt!“

Sofort machten sich schnelle Reiter auf den Weg nach Lappland zu den drei bekanntesten Schamanen, deren medizinische Zauberkräfte am Zarenhof einen legendären Ruf genossen.

Die schon nach wenigen Tagen eintreffenden „Schamanen-Zauberer“ untersuchten den Zaren gründlich und zogen sich anschließend zur Beratung zurück.

Im Nebenraum schauten sie sich ratlos an, zuckten hilflos mit den Schultern und diskutierten ausführlich den hoffnungslosen Fall. Jeder stellte eine andere Diagnose.

„Es ist sein Herz!“ sagte der erste kopfschüttelnd. „Es ist zu schwach. Da kann man nichts machen!“

„Ich glaube es ist die Leber.“ Sagte der zweite und begründete seine Diagnose: „Der viele Alkohol! Jetzt rächt sich seine jahrelange Trunksucht!“

„Auch die Niere ist stark angeschwollen und bereitet ihm schon auf leichtem Druck hin Schmerzen!“ lamentierte der Dritte.

In einem waren sich allerdings alle einig, nämlich dass ihr aller Leben sofort verwirkt ist, wenn sie nicht unmittelbar Heilmaßnahmen ergreifen würden. So entschlossen sie sich, gute Mine zum bösen Spiel zu machen und verabreichten dem kranken Zar allerlei Kräutertees, feuchte Wickel, ließen ihn mehrmals schließlich zur Ader und murmelten stundenlang unverständliche Zauberformeln daher. Dabei lösten sie sich an seinem Bett ständig ab. Ivans Zustand verschlechterte sich jedoch zunehmend.

Am 10. März 1585 rief Zar Ivan seinen Diener herein und befahl mit schwacher Stimme: „Hole mir bitte folgende Bojaren (2) herbei!“

Und er nannte die Namen derer, die erscheinen sollten. Dann fügte er noch matt hinzu: „Sie sollen heute Nachmittag zu mir an mein Bett kommen.“

Nachdem der Diener verschwunden war, rief er einen Hofbeamten und befahl: „Geh eilig zum Patriarch und kommt beide sofort zu mir, es ist wichtig! Und bringt Brief und Siegel mit.“

Nach kurzer Zeit erschienen der Beamte und der Patriarch am Bett Ivans.

Ivan der Schreckliche richtete sich mühsam auf und sagte: „Vernehmet hiermit meinen letzten Willen, schreibt ihn sorgfältig nieder und bestätigt ihn als Zeugen und besiegelt alles. Und dann diktierte er: „Ich bestimme hiermit, mein Sohn Feodor soll Thronfolger werden…..“

Da sein Sohn, der Zarewitsch Feodor, schwachsinnig und daher nicht in der Lage war, das große Reich zu regieren, bestellte Ivan am späten Nachmittag den herbeigerufenen Bojaren-, bzw. Regentschaftsrat, bestehend aus den Bojaren Nikita Romanowitsch Sacharjin-Jurjew (ein Bruder der ersten Ehefrau Iwans), Fürst Iwan Petrowitsch Schuiski, ein Rjurikide, und Fürst Iwan Fjodorowitsch Mstislawski, ein Litauer aus dem Geschlecht der Geminiden, sowie den Opritschnik Bogdan Jakowlewitsch Bjelski. Er wusste, wie die Bojaren um sein Erbe feilschten und musste alles tun, um die Nachfolge in seinem Sinne zu regeln.

Er schwor sie daher auf ihre Aufgaben und Ämter ein und verlangte: „Wenn ihr nicht das Kreuz küsst in Treue zu meinem Sohn, dann habt ihr also schon einen anderen Herrscher im Sinn.“

Kaum hatte er dies ausgesprochen, schüttelte ihn ein starker Hustenanfall und er sank matt in die Kissen zurück.

Als er sich wieder ein wenig erholt hatte, presste er hervor: „Wer jetzt dem kommenden Herrscher nicht dienen will, der will auch dem großen, also mir selbst, nicht dienen. Bedürft ihr aber unser überhaupt nicht mehr, so ladet ihr dies als Sünde und Last auf eure Seelen.“

Ivan zwang sodann den Adel, zu schwören und das Kreuz zu küssen.

Ein paar Tage später, genau am 18. März 1585 starb „Ivan der Schreckliche“ und befreite mit seinem Tod die Erde vom größten Scheusal seiner Zeiten.

Denn wenn man auf seine Schreckensherrschaft zurückschaut, die geprägt war von Massenvernichtungen und Gräueltaten, in deren Vergleich die Schrecken der Französischen Revolution harmlose Kinderspiele waren, dann muss man mit Erstaunen feststellen, was alles sich Menschen gefallen ließen, um solch ein Untier in untätiger und sklavischer Feigheit ohne Gegenwehr gewähren zu lassen.

Man könnte vielleicht auf den Gedanken kommen, dass „Ivan der Schreckliche“ von Haus aus ein Wahnsinniger gewesen sein musste, – allein um des Versuches Willen, dessen Gräueltaten als vorgegebene Handlungen zu entschuldigen. Aber hinter all diesem Wahnsinn lag unbestreitbar Methode und er war sich seiner Absichten und Zwecke seines Handelns durchaus bewusst.

Denn wie ein roter Faden – nein genauer, wie ein roter Blutstrom –, wälzt sich durch Ivans Gräuelherrschaft der Staatsgedanke, mittels Gründung der zaristischen Autokratie, des zaristischen Absolutismus höchster Potenz, die moskowitische Reichseinheit her – und festzustellen, welche bislang durch die Machtstellung des Bojarentums stark beeinträchtigt war.

Und trotz seiner grausamen Handlungen gegen den Bojarenadel und das Volk, hat er für Peter den Großen als Vorbild gedient, da es vor allem Ivans Leistung war, das russische Reich groß und mächtig werden zu lassen.

Allerdings war der Zar häufig genug auch Peiniger und Henker allein um der Henkerslust willen gewesen und trieb seine grässliche Wollust der Grausamkeit oft bis zur äußersten Spitze aller Vorstellungskraft. Aber den angegebenen Grundzug seiner Politik hatte er selbst in den wildesten Orgien der Entmenschung ebenso wenig vergessen, wie er dies auch in den tollen Übertreibungen der „gottesdienstlichen“ Übung seiner „Frömmigkeit“ jemals vergaß.

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